Schweigeminuten für Kaczynski
«Keine Rechte und keine Linke»: auch Parlamentspräsident Komorowski (l.) und Premier Tusk (r.) trauern öffentlich um Lech Kaczynski. (Keystone)
Zum Gedenken an den verunglückten Präsidenten Lech Kaczynski und weitere 95 Todesopfer des tragischen Flugzeugabsturzes hielt ganz Polen am Sonntagmittag für zwei Minuten inne. Als die Sirenen um 12.00 Uhr überall heulten, blieben Menschen auf der Strasse stehen, mitten im Verkehr stoppten Autos.
Kniefall des politischen Widersachers
Vor dem Parlament in Warschau würdigte Ministerpräsident Donald Tusk seinen früheren politischen Widersacher mit einem Kniefall. Im 300 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Krakau klang vom Turm der Marienkirche statt der üblichen Mittagsmelodie das Lied «Tränen der Mutter». Das Stück war dort zuletzt nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. gespielt worden.
Die Prachtallee vor dem Präsidentenpalast im Zentrum von Warschau wurde schon am Samstag zum Ort nationaler Besinnung. Auch in der Nacht zum Sonntag riss der Strom der Menschen, die dem Staatsoberhaupt die letzte Ehre erweisen wollten, nicht ab. Tausende beteten, sangen patriotische Lieder, weinten oder umarmten sich spontan und machten sich gegenseitig Mut.
Meer aus Kerzen
Der Platz vor dem Amtssitz des Präsidenten glich einem Meer aus Grabkerzen und Blumen. Auch viele junge Polen, die nicht unbedingt zur Wählerschaft des nationalkonservativen Präsidenten zählten, zeigten Betroffenheit. Er habe Kaczynski zwar nicht gewählt, das sei jetzt aber angesichts dieser Tragödie unwichtig, sagte ein Student.
Die Passagierliste der Unglücksmaschine liest sich wie ein «Who is Who» der polnischen Politik. Ausser dem Präsidentenpaar und den engsten Mitarbeitern der Präsidentenkanzlei starben bei Smolensk auch Dutzende von anderen polnischen Spitzenpolitikern.
Unter den Opfern waren Vize-Parlamentschef Jerzy Szmajdzinski, Vize-Aussenminister Andrzej Kremer, der Chef der Nationalbank Slawomir Skrzypek sowie viele Parlamentarier.
In Präsidentenpalast aufgebahrt
Kaczynskis Leichnam ist heute in einem Militärflugzeug von Smolensk nach Warschau überführt worden. Sein mit einer rot-weissen Nationalflagge geschmückter Sarg soll nach einer kurzen Zeremonie in den Präsidentenpalast gefahren werden, wo Kaczynski öffentlich aufgebahrt wird.
Vorgezogene Wahlen
Für Polens politische Klasse wird der Tod so vieler Spitzenpolitiker und Staatsbeamten zum Testfall. Innerhalb von zehn Wochen sollen vorgezogene Präsidentenwahlen stattfinden. Ursprünglich sollte das neue Staatsoberhaupt erst im Herbst gewählt werden.
Um die Kontinuität der Macht zu erhalten, übernahm Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski gemäss der Verfassung die Geschäfte des Staatsoberhaupts.
Komorowski intermistisch Staatsoberhaupt
Unerwartet schnell musste der Spitzenkandidat der Regierungspartei Bürgerplattform PO seine staatsmännische Qualität unter Beweis stellen. Angesichts dieses nationalen Dramas gebe es heute «keine Rechte und keine Linke», sagte Komorowski in seiner ersten Fernsehrede an die Nation.
Auch Meinungs- und Glaubensunterschiede spielen zu dieser Stunde keine Rolle. Die katholische Kirche rief die Polen zu nationaler Versöhnung und Eintracht auf.
Hoffnung auf Versöhnung mit Russland
Und der renommierte polnische Soziologe Edmund Wnuk-Lipinski sieht in dem tragischen Ereignis auch Anlass zur Hoffnung: Der Absturz biete die Chance auf eine russisch-polnische Annäherung. Aus diesem Schock könne die Versöhnung zwischen Polen und Russen wachsen, meinte Wnuk-Lipinski. (haem, dpa)
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