(Reuters)
Chronik: Vom Königreich zum Gottesstaat
Seit dreissig Jahren haben die geistlichen Führer das Sagen in Iran. Sie stürzten den Schah und machten aus dem einstigen Königreich Persien einen islamischen Gottesstaat. Mit der Islamischen Revolution begann der Konflikt mit dem Westen, der heute noch andauert.
Ein historischer Abriss
1925 Reza Khan Pahlevi. (zvg) |
Premierminister Reza Khan stürzt den letzten Herrscher der Kadscharen-Dynastie. Am 12. Dezember wird er durch das Parlament zum Schah ernannt. Ein Jahr später lässt er sich krönen und gibt sich den Zunamen «Pahlavi», «der Heroische». Um den Einfluss der Religion und damit die Vormachtstellung der Geistlichen in der Gesellschaft zu zerschlagen, setzt der Begründer der Reza-Dynastie eine Säkularisierung des Staates und eine sofortige, radikale Anpassung an westliche Normen per Gesetz durch. Unter anderem verbietet Reza Khan religiöse Kleidung. Der unvermittelte Bruch mit der Tradition führt zu grossen Protesten und endet mit einem Blutbad und Massenerschiessungen in der Pilgerstadt Mashad. |
| 1941 | Unter dem Vorwand, dass der Schah offen Sympathien für das Dritte Reich zeigt, besetzen die Russen und die Briten Iran. In Wirklichkeit geht es dabei wohl um die Bodenschätze. Die Ölförderung liegt seit dem ersten Weltkrieg fest in britischer Hand. Die beiden Staaten zwingen Reza Khan abzudanken und nach Südafrika ins Exil zu gehen. Neuer Schah wird sein 22-jähriger Sohn, Mohammed Reza, der in Europa - vornehmlich in der Schweiz - erzogen und deshalb von Grossbritannien und Russland portiert wurde. Mohammed Reza ist mit den Eigenheiten seines Landes wenig vertraut. Mohammed Reza Schah Pahlevi über seine Jugendjahre in der Schweiz. (Interview, 1959) |
| 1951 | Mohammad Mossadegh wird Ministerpräsident. Er unterbindet die Ausbeutung der Ölquellen durch die Briten und verstaatlicht die Ölförderung, was zum Zerwürfnis mit dem Schah führt. |
1953 Mohammad Mossadegh. (zvg) |
Der Schah flieht aus dem Land. Drei Tage später wird Mossadegh mit Hilfe des US-Geheimdienstes CIA von der Armee gestürzt. Der Schah kehrt zurück und privatisiert die Ölförderung wieder, die jetzt zu 40 Prozent in amerikanischer Hand ist. Der Schah stützt sich aussenpolitisch immer mehr auf den Westen und entfernt sich dadurch noch mehr von seinem Land. Neuerdings duldet er in seinem Land auch keine Opposition mehr. Innenpolitisch versucht er ein Programm sozialer und ökonomischer Reformen durchzusetzen. Er kann damit zwar die Alphabetisierung des Landes und die Emanzipation der Frauen voranbringen. Gleichzeitig wächst aber der Widerstand der konservativen Landbevölkerung gegen die westlichen Reformen. |
1963![]() Schah Reza Pahlevi. (Keystone) |
Mohammed Reza Schah Pahlevi leitet die so genannte Weisse Revolution ein. Mit einem Sechs-Punkte-Plan soll Iran modernisiert werden. Unter anderem will der Schah das Feudalsystem abschaffen, Krongüter unter landlosen Bauern verteilen, den Frauen das Wahlrecht erteilen und das Land alphabetisieren. In einer öffentlichen Rede bezeichnet Ayatollah Khomeiny, der islamisches Recht und Philosophie in Qom unterrichtet, die Reform als gegen Gott gerichtetes Vorhaben. Er ruft zum Sturz des Schahs auf. Gleichwohl wird die Reform an der Urne von der Mehrheit der iranischen Bevölkerung angenommen. |
| 1964 | Nach der viel beachteten Rede wird Khomeiny verhaftet und dann fast ein Jahr unter Hausarrest gestellt. Er wird immer stärker als Kopf der iranischen Opposition wahrgenommen. Kaum frei, hält Khomeiny erneut eine Brandrede, diesmal gegen das Kapitulationsgesetz des Schahs. Am 4. November 1964 wird er erneut verhaftet und ins Exil verbannt. |
| 1965 | Trotz des grossen Widerstands der Geistlichen und eines Mordanschlags auf Premierminister Hassan Ali Mansour setzt der Schah seine Reformpläne fort. |
| 1966 | Mit massiver Unterstützung der USA wird Iran zur stärksten Militärmacht am Persischen Golf. |
| 1967 | Der Schah krönt sich zum Kaiser und seine Ehefrau Farah Dibah zur Kaiserin. |
1971 - 77 Der Schah mit zwei seiner vier Kinder 1975 in St.Moritz. (Keystone) |
Während der Schah, seine Familie und einige wenige Profiteure des Ölbooms in Saus und Braus leben, wächst die Armut im ganzen Land. Mit der Ölkrise 1972 spitzt sich die Lage zu und der Widerstand in der Bevölkerung wächst. Der Schah zu den steigenden Erdölpreisen in der grossen Ölkrise. (Hanspeter Born, 29.12.1973) Der Schah schlägt die Proteste mit aller Härte nieder. Noch hat er dafür die Rückendeckung des Westens. 1977 rutscht das Land in eine Versorgungskrise. Die von Intellektuellen getragene Nationale Front fordert das Ende der Diktatur. Obwohl der Schah als Konzession an die Schiitenpartei den islamischen Kalender wieder einführt, die Spielkasinos wieder schliesst und politische Parteien wieder zulässt, kommt es zu schweren Unruhen und zu Demonstrationen für Ayatollah Khomeiny. |
| 1978 | Nachdem es bei Demonstrationen Ende 1978 ein Blutbad gibt, ist die Bevölkerung ausser sich vor Zorn. Am 5. November bilden Khomeiny und die Nationale Front in Paris die Iranisch-Islamische Nationalbewegung. Einen Tag später wird in Iran eine Militärregierung eingesetzt. |
1979 Ayatollah Khomeiny wird in Teheran begeistert empfangen. (Keystone) |
Auf anraten seiner US-Berater geht der Schah am 16. Januar ins Exil in die USA. Kurz darauf kehrt Khomeiny aus Frankreich in seine Heimat zurück und verkündet am 11. Februar den Sieg der Islamischen Revolution. Khomeinys berühmte Rede nach Ausrufung der Islamischen Republik. (Rolf Pellegrini, 4.6.1979) Khomeiny wird der erste geistige Führer der Islamischen Republik Iran. Wichtige Elemente der neuen Verfassung - wie etwa das Prinzip der obersten Herrschaft Rechtsgelehrter (Mullahs) - stammt von ihm. Khomeiny im Porträt. (Marcel Pott, 4.6.1979) Zwar sieht er sich bei seiner Amtsübernahme einer heterogenen Oppositionsfront gegenüber, deren einziges gemeinsames Ziel der Sturz des Schahs war. Als Symbolfigur der Revolution gelingt es Khomeiny aber, die wichtigsten Gruppen in der jungen Republik zu integrieren. Nachdem die junge Republik installiert ist, beginnt Khomeiny mit dem Aufräumen. Zunächst lässt er die Revolutionsgegner verfolgen. Zusehends aber rücken die USA - als Unterstützer und Förderer des Schahs - und Israel in den Fokus der islamischen Revolutionäre. Am 4. November kommt es zum Geiseldrama von Teheran in der US-Botschaft, wo Studenten 52 Amerikaner als Geiseln nehmen und die Auslieferung des Schahs fordern. Als Reaktion verhängt Washington Sanktionen gegen Iran. Die Geiselnahme endet nach 444 Tagen. Ein Militäreinsatz zur Befreiung der Amerikaner war gescheitert. |
1980 Ayatollah Khomeiny. (Keystone) |
Nachdem sich das System in der jungen Republik stabilisiert hat, beginnt Khomeiny mit der umfassenden Islamisierung der iranischen Gesellschaft - auch Kulturrevolution genannt. Er führt eine strenge Kleiderordnung für Frauen ein und verbietet nicht-islamische Parteien. Sein Regime geht mit schonungsloser Härte gegen jeden vor, der eine Gefahr für die islamische Republik darstellen könnte. Selbst Politiker, die eben noch ein Staatsamt innehatten, werden verfolgt. Es kommt zu öffentlichen Massenhinrichtungen und regelrechten Verhaftungsorgien durch die Revolutionsgarde. Allein 1982 werden zwischen 5000 und 10'000 Menschen hingerichtet. Die Ereignisse in Iran seit der Rückkehr Khomeinys. (Christoph Heri, 1.4.1979, 29 Min.) Die Instabilität in seinem Nachbarland will sich der irakische Herrscher Saddam Hussein zu Nutze machen. Im September greift er Iran überraschend an und hofft auf einen schnellen Sieg. Stattdessen dauert der Erste Golfkrieg acht Jahre und fordert wahrscheinlich mehr als eine Million Menschenleben. |
| 1981 | Der Mullah Ali Khamenei wird Staatspräsident. Innerstaatlich zeichnen sich immer deutlicher Konfliktlinien ab zwischen Linksislamisten, die eine stärkere Regulierung des Markts durch den Staat fordern, und konservativen Islamisten, die auf den freien Markt setzen. |
| 1984 | Nach Terroranschlägen auf US-Soldaten und die Botschaft in Libanon erklärt US-Präsident Ronald Reagan das iranische Mullah-Regime zum «Sponsor des internationalen Terrorismus» und verschärft die Sanktionen. |
| 1985 - 86 | In Geheimgesprächen sichert Washington Teheran Waffenlieferungen zu, im Gegenzug sollen amerikanische Geiseln in Libanon befreit werden. Mit den Gewinnen finanzieren die USA Rebellen in Nicaragua: Die Iran-Contra-Affäre bringt die US-Regierung und auch Khomeiny in Bedrängnis. Reagan dementiert Vorwurf, Waffen gegen Geiseln getauscht zu haben. (Iren Meier, 14.11.1986) |
1988 Acht Jahre Krieg mit dem Irak. (Keystone) |
Nach acht Kriegsjahren sind die Staatskassen Irans leer, die Wirtschaft ist fast gänzlich zum Erliegen gekommen und die Verluste in der Bevölkerung sind gross. Khomeiny bleibt nichts anderes übrig, als den Krieg zu beenden. Im August unterschreibt er das Uno-Waffenstillstandsabkommen. Sein Traum, die islamische Republik auch in den Irak zu tragen, ist gescheitert. Gleichwohl wird Khomeiny von den Iranerinnen und Iranern immer noch als Heiliger verehrt. Sein Halt in der Bevölkerung ist ungebrochen. Irak und Iran haben Friedensverhandlungen aufgenommen. (Jean-Pierre Gerber, 25.8.1988) |
1989![]() Ayatollah Ali Khamenei. (Keystone) |
Am 3. Juni stirbt Ayatollah Khomeiny. Neuer geistiger Führer von Iran wird der bisherige Staatspräsident Ayatollah Ali Khamenei. Bis heute hält der inzwischen 70-Jährige das Amt des geistigen Führers Irans inne. Khomeiny ist tot. (Rolf Pellegrini, 4.6.1979) Exil-Iraner Farahd Afshar erklärt, ob Ali Khamenei ein zweiter Khomeiny wird. (Iren Meier, 5.6.1989) Khameneis Nachfolge als Staatspräsident übernimmt der bisherige Parlamentspräsident Ali Akbar Rafsanjani. Dieser war kurz zuvor noch Oberbefehlshaber der Armee und massgeblich an der Annahme der Uno-Resolution zur Beendung des ersten Golfkriegs beteiligt. DRS-Korrespondent Werner van Gent über den nahtlosen Übergang vom Tod Khomeinys zum Präsidentschaftswahlkampf. (27.7.1989) |
| 1995 | Wegen angeblicher Terrorunterstützung und dem Streben nach Massenvernichtungswaffen verhängt US-Präsident Bill Clinton ein umfassendes Handelsembargo gegen Iran. |
| 2001 | Der US-Geheimdienst CIA bezichtigt Teheran, insgeheim ein Atomwaffenprogramm zu verfolgen. |
| 2002 | Präsident George W. Bush bezeichnet Iran, den Irak und Nordkorea als «Achse des Bösen». Washington würde nicht tatenlos zusehen, wenn diese Länder versuchten, die USA mit Massenvernichtungswaffen zu bedrohen. Bush zum Bericht der Geheimdienste, wonach Iran doch kein Atomwaffenprogramm hat. (Peter Voegeli, 4.12.2007) |
| 2003 | Nach einem Erdbeben in der historischen Stadt Bam lockern die USA vorübergehend das Embargo und leisten humanitäre Hilfe. |
| 2004 | Auf Drängen der EU verzichtet Iran auf sein Programm zur Urananreicherung. Die USA misstrauen den Zusagen Teherans. Bush droht kaum verholen mit einem Militärschlag gegen Iran. |
| 2007 | Angesichts der anhaltenden Gewalt im Irak führen die USA und Iran erstmals seit fast drei Jahrzehnten wieder offizielle Gespräche. Einen Durchbruch gibt es nicht. |
| 2008 | Iran testet angesichts eines möglichen Militärschlags der USA oder Israels bei einem Grossmanöver neun Raketen. Das sei eine Warnung an die Feinde Irans, heisst es in Teheran. |
(nab, sda/dpa)
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