Frauen im Bundesrat - Männer im Management?
Der neu zusammengesetzte Bundesrat, erstmals in der Geschichte mit Frauenmehrheit. (key)
Von null auf vier Bundesrätinnen in 15 Jahren. Die Mehrheit des Siebnergremiums ist weiblich, wie auch Nationalratspräsidentin und Bundeskanzlerin. Dass es immer mehr Frauen in politische Spitzenämter zieht, hat auch mit einem «Männervakuum» in der Politik zu tun, meint der Schweizer Historiker Thomas Maissen von der Universität Heidelberg.
In der Diskussionssendung «Club» des Schweizer Fernsehens sagte Maissen diese Woche: «Viele Männer suchen den Einfluss nicht im Bundesrat, sondern in der Wirtschaft. Dort kann man nicht nur viel Geld machen, sondern auch Macht ausüben, den Bundesrat herumdirigieren.»
Manager können international Einfluss nehmen
Ein Manager könne also, via Einfluss der Wirtschaft auf die Politik, potenziell noch mehr Macht ausüben als ein Bundesrat. Für die Männer verliere die Politik an Bedeutung. «Das ist auch ein problematisches Signal», meint Maissen.
Als Manager habe man in vielerlei Hinsicht mehr Macht als als Bundesrat, meint auch Politologe Lukas Golder: «Die grossen Unternehmen haben eine multinationale Einflusssphäre, und es gibt keine multinationale Politik, die dem entgegensteht.»
Die Politik zieht Familienfrauen an
Steuern wir also auf eine Gesellschaft mit getrennten Domänen hin - die Männer in der Wirtschaft, die Frauen in der Politik? «Ich sehe diese Tendenz schon», meint Headhunter Björn Johansson. Dies habe auch viel mit der besonderen Attraktivität politischer Tätigkeit für die Frauen zu tun.
«Eine Frau kann sich in der Politik besser einrichten als in der Wirtschaft. In der Wirtschaft wird viel verlangt an internationalen Reisen, Konferenzen - in der Politik sind die Reisen nicht so weit oder häufig. Gerade wenn man Familie hat, kann das entscheidend sein.» Frauen, die Einfluss nehmen und einen Beitrag leisten möchten, würden sich daher eher in Richtung Politik orientieren als in Richtung Wirtschaft, erklärt Johansson.
Dies stellt auch Michèle Etienne fest. Sie ist Unternehmerin und Mitglied der Geschäftsleitung von «GetDiversity», eines Unternehmens, das Frauen für Verwaltungsratsposten vermitteln will. Es sei nicht leicht, Frauen für solche Ämter zu finden.
Die Politik eigne sich für viele Frauen besser als Einflusssphäre: «Politische Mandate kann man auch gut vereinbaren mit einem Engagement als Familienfrau. Man kann Politik in Teilzeitarbeit machen und in die Aufgabe hineinwachsen. Wirtschaftliche Spitzenpositionen kann man heutzutage nur mit einem hundertprozentigen Engagement erreichen und innehaben.»
Bald nur noch Frauen in der Politik?
Ein weiterer entscheidender Faktor sei, so Etienne, dass die «Männerwirtschaft» sich gewissermassen selber reproduziere: «Viele wichtige Posten wie Verwaltungsratsmandate werden unter der Hand vergeben, werden in Berufungsverfahren besetzt, und die Männer in entscheidenden Positionen kennen vor allem Männer. So sind viel weniger Frauen auf dem Radar.»
Eine Fortsetzung und Verstärkung des Trends - bis hin zu einer Trennung zwischen einer «Männerdomäne Wirtschaft» und einer «Frauendomäne Politik» - wünscht sich Etienne nicht. Hier müsse ein Umdenken stattfinden: «Wir müssen eine Gleichwertigkeit erreichen zwischen allen Aufgaben in unserer Gesellschaft.» Ein Familienengagement müsse mehr honoriert werden, und in Führungspositionen müssten Teilzeitarbeit und Job-Sharing verbreiteter und akzeptierter werden. (sg)
