Nationalrat empfiehlt Abzocker-Initiative zur Annahme
Sinn der Aktionärsdemokratie
Volk und Stände stimmen aller Voraussicht nach im nächsten Jahr über die Abzocker-Initiative und einen dazugehörigen Gegenvorschlag ab. Der Nationalrat hat sich am Mittwoch auf die Inhalte des Gegenvorschlags festgelegt.
Gegenvorschlag wirtschaftsfreundliche Alternative
Die Ausgestaltung der Vorlage war von vielen taktischen Überlegungen begleitet. Nun beinhaltet sie weitgehend das, was CVP und FDP vorgeschlagen hatten: Eine wirtschaftsfreundlichere Alternative zum Volksbegehren von Thomas Minder.
Weil die SP den Gegenvorschlag nicht gefährden wollte, zog sie einige Anträge zurück, deren Annahme zu einer Verschärfung der Vorlage geführt hätte. Eine Verschärfung hätte bewirken können, dass die Mitteparteien die Vorlage am Ende nicht mehr unterstützt hätten, was wiederum im Interesse der SVP gewesen wäre.
Wechselnde Allianzen
Bei den inhaltlichen Entscheiden gab es indes wechselnde Allianzen: Zuweilen verhalfen SP und SVP gemeinsam einem Vorschlag zum Durchbruch, zuweilen FDP und SVP.
Ziel von Initiative und Gegenvorschlag ist es, Lohn- und Boni- Exzesse zu verhindern. Erreicht werden soll dieses Ziel mit einer Stärkung der Aktionärsrechte. So sollen die Aktionäre börsenkotierter Unternehmen jährlich über den Gesamtbetrag der Vergütungen an den Verwaltungsrat abstimmen.
Boni nur bei nachhaltigem Erfolg
Der Gegenvorschlag schreibt vor, dass Boni nur ausbezahlt werden dürfen, wenn jemandes Leistung zum langfristigen Gedeihen des Unternehmens beigetragen hat. Verwaltungsräte und Manager sollen mit Klagen zur Rückgabe von Geldern gezwungen werden können, wenn sie ihre Arbeit schlecht machen. Zudem sollen goldene Fallschirme grundsätzlich untersagt werden.
Die Mehrheit zeigte sich überzeugt, dass so die «Abzockerei» eingedämmt werden könnte. Die Linke betonte allerdings, für sie handle es sich nur um einen ersten Schritt. Mehr Aktionärsdemokratie führe nicht zwingend zu tieferen Löhnen, es brauche Obergrenzen.
Monsterdebatte
Die Debatte dauerte nahezu den ganzen Tag und war geprägt vom Schlagabtausch zwischen der SVP und der SP. Unzufrieden war am Ende die SVP, die vergangene Woche mit ihrer Strategie des indirekten Gegenvorschlags auf Gesetzesebene unterlegen war.
Sie wollte am Mittwoch den direkten Gegenvorschlag beerdigen, unterlag aber mit 128 zu 59 Stimmen. Die Hauptziele der Minder- Initiative seien im Gegenvorschlag «total verwässert» worden, kritisierten SVP-Parteipräsident Toni Brunner und sein Parteikollege Pirmin Schwander.
Wenn die SP - die ja den Gegenentwurf eigentlich auch nicht wolle - ehrlich wäre, würde sie die SVP unterstützen und ihn ablehnen, monierte Schwander. Daniel Jositsch entgegnete, die SVP lehne den Gegenvorschlag nur deshalb ab, weil sie unter allen Umständen die Volksabstimmung verhindern wolle.
Grabenkämpfe zwischen SVP und SP
Sonst werde die SVP nicht müde, den Volkswillen anzurufen, hielt Jositsch fest. Bei der Abzocker-Initiative aber scheue sie eine Abstimmung «wie der Teufel das Weihwasser». Dies sei auch nicht verwunderlich, trage die SVP doch einen grossen Teil der Verantwortung für die Abzockerei.
Der Zürcher SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer fragte Jositsch daraufhin, wie er es sich dann erkläre, dass der Initiant der Abzocker-Initiative sich mit der SVP geeinigt habe, wenn diese doch angeblich falsche Ziele verfolge.
Schwander warf der Linken vor, sie verfolge nur das Ziel, Christoph Blocher - der sich mit Initiant Thomas Minder geeinigt hatte - eine Niederlage zu bescheren. Und Alfred Heer verstieg sich gegenüber Daniel Vischer von den Grünen gar zu der Frage: «Träumen Sie in der Nacht von Christoph Blocher?»
Doppeltes Ja empfohlen
Am Ende beschloss der Rat, Volk und Ständen sowohl die Abzocker- Initiative als auch den direkten Gegenvorschlag zur Annahme zu empfehlen. Für die Stichfrage empfiehlt er den Gegenvorschlag. Eine bürgerliche Minderheit hätte dem Volk nur den Gegenvorschlag zur Annahme empfehlen wollen. Die SVP enthielt sich der Stimme.
Die Vorlage geht nun an den Ständerat. Es ist davon auszugehen, dass auch dieser sich für den Gegenvorschlag entscheidet. Er könnte jedoch noch Änderungen anbringen, und auch die Abstimmungsempfehlung könnte anders ausfallen. (haem, sda)
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