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Dienstag, 17.11.2009

Studenten machen mobil gegen Bologna

Tausende Studierende in Europa haben für eine bessere Bildung und gegen das Bologna-System demonstriert. Sie fordern mehr Geld für die Lehre und ein Ende der «Ökonomisierung» der Universitäten.

Rund 300 Studentinnen und Studenten der Uni Bern demonstrieren mit einem Protestmarsch gegen die Bologna-Reform und der damit verbundenen Ökonomisierung der Bildung.

Hintergrund: Die Bologna-Reform

Die Bologna-Reform der Hochschulen wurde 1999 von 29 europäischen Staaten unterzeichnet, darunter die Schweiz. Inzwischen beteiligen sich 49 Länder an der Reform.  Mehr

Eigentlich erinnert der so genannte Weltstudententag vom 17. November an die Proteste der tschechischen Hochschüler gegen die Nazi-Okkupation von 1939 in Prag. Dieses Jahr haben Hundertausende von Studenten und Studentinnen auf der ganzen Welt diesen Gedenktag zum Anlass genommen, für ihre jetzigen Anliegen auf die Strasse zu gehen.

Vor allem in Deutschland, Österreich und Italien war die Beteiligung an den Aktionen gross. Die Studierenden fordern mehr Geld für die Lehre, bessere Lernbedingungen, den kostenlosen Zugang zu Bildung und ein Ende der  Verschulung an den Universitäten.

Mehr Geld für Österreichs Unis
Mit phantasievollen, auch paradoxen Aktionen machten die Studierenden auf ihre Lage aufmerksam. Im österreichischen Graz beispielsweise versteigerten sie ihre Professoren, um mehr Geld für die Unis bekommen oder boten sich als Halbpreisstudenten im Sonderangebot den Passanten zum Kauf an.

Die Misere an Österreichs Hochschulen bestreiten nicht einmal die dafür zuständigen Politiker: Überfüllte Hörsäle, Massenprüfungen und lange Wartezeiten selbst bei obligatorischen Lehrveranstaltungen. Mehr Geld für die Unis, lautet daher in Österreich die studentische Forderung. Doch Österreichs Staatskassen sind leer, gerade mal 34 Millionen Euro bewilligte die Regierung letzte Woche als zusätzliche Nothilfe für Österreich Hochschulen.

Zu viel Stoff in zu kurzer Zeit in Deutschland
In Deutschland richtete sich der Protest vor allem gegen die so genannte Bologna-Reform, gegen die Verschulung, wie dies die Studierenden empfinden und gegen die Studiengebühren. Auch hier wurden, wie in Österreich, Hörsäle besetzt und in den Universitätsstädten demonstriert.

Den so genannten Bachelor-Abschluss bezeichnen die Studenten als wertlos, weil wegen der Stofffülle die Tiefe des Studiums leide. Studieren würde wieder zu einem Privileg der Reichen, weil wegen der vielen Prüfungen und der befristeten Studienzeit keine Zeit für den notwendigen Broterwerb bleibe.

Auch hier solidarisierten sich viele Dozierende mit den studentischen Forderungen. Politiker und Universitätsspitzen gaben zu, dass die Bologna-Reform viele Mängel habe, doch das seien Kinderkrankheiten, die in spätestens zehn Jahren auskuriert seien.

Gegen Berlusconis Sparpolitik
In Italien fanden in 50 Städten des Landes Kundgebungen gegen die so genannte Bildungsreform der Regierung Berlusconi statt. Allein im kommenden Jahr sollen 700 Millionen Euro im Hochschulbereich eingespart werden. Bis 2011 sollen gar 130'000 Stellen an Universitäten und Schulen gestrichen werden.

Dies sei keine Bildungsreform, so die protestierenden Studenten, sondern eine reine Sparpolitik mit katastrophalen Folgen.

Proteste auch in der Schweiz
Proteste gegen die Bologna-Reform gibt es auch in der Schweiz. Seit einer Woche halten Studierende die Aula der Universität Basel besetzt. An der Universität Zürich haben sich am Dienstag bis zu 400 Studierende in einem Hörsaal versammelt und in Bern nahmen rund 300 Studierende an einem Protestmarsch teil.

Gemeinsam mit Vertretern aus Wien und Basel wollen die Zürcher Studierenden Erfahrungen mit der Bologna-Reform austauschen und mögliche gemeinsame Aktionen erörtern.

Kritik an marktwirtschaftlicher Orientierung der Unis
Hauptkritik der Studierenden ist die Einführung einer neoliberalen Logik in der Lehre und der Forschung an den Universitäten, wie Sarah Schilliger, Assistentin am Institut für Soziologie in Basel, gegenüber Schweizer Radio DRS sagt.

«An den Universitäten gibt es eine ganz klare Tendenz zur Vermarktwirtschaftlichung. Die Unis sehen sich immer mehr als Dienstleistungsunternehmen, die sich am internationalen Bildungsmarkt profilieren und um öffentliche Forschungsgelder und Drittmittel konkurrieren müssen.»

Wie die meisten Vertreterinnen und Vertreter des akademischen Mittelbaus hat Sarah Schillinger unter dem alten System studiert und muss nun die Bologna-Reform umsetzen.

Reform auf Kosten des Mittelbaus
Die verstärkte Strukturierung des Studiums bringe für sie vor allem einen grossen Mehraufwand, sagt eine andere wissenschaftliche Assistentin, Sara Landolt vom Geographischen Institut der Uni Zürich: «Wir korrigieren und bewerten viel mehr.»

Handkehrum habe sich gerade dadurch die Feedback-Kultur an der Uni verbessert. Die Zeit, die sie fürs Korrigieren aufwendet, fehlt ihr jedoch bei der eigenen Forschung.

Obschon die Assistierenden heute nur am Rande beteiligt sind am Protest der Studierenden in Zürich, haben sie also grosses Verständnis dafür und stellen verschiedene Punkte der Bologna-Reformen in Frage.

Auch Rektor sieht Handlungsbedarf
Dass noch nicht alles so ist, wie es sein sollte, gibt auch der Rektor der Uni Zürich, Andreas Fischer, unumwunden zu: «Es ist sicher nicht zu bestreiten, dass der Mittelbau die Umsetzung von Bologna mitträgt. Aber wir haben Massnahmen ergriffen, um den Mittelbau zu fördern.»

Der akademische Mittelbau und die Studierenden in Zürich sowie in der ganzen Schweiz seien immer noch deutlich besser als jene in den Nachbarländern Deutschland und Österreich. Das sehen die befragten Assistentinnen und Assistenten - trotz aller Kritik an den Bologna-Reformen - auch so. (ammk/selj/nab)

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