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Dienstag, 7.7.2009

Harsche Kritik aus der Türkei

Die Türkei hat den Rückzug von Deutschland, Österreich und der Schweiz aus dem umstrittenen Staudammprojekt Ilisu in Südostanatolien scharf kritisiert.

Umstrittener Ilisu-Staudamm in Südostanatolien. (Keystone)

Das türkische Umweltministerium erklärte, es handle sich um einen «politischen Entscheid» der drei Staaten. Die Türkei werde das Projekt trotz des Ausstiegs der Europäer weiter vorantreiben. Wie das geschehen soll, ging aus der Erklärung nicht hervor.

Die Kreditversicherer zögen sich aus dem Projekt zurück, obwohl deren eigene Experten der türkischen Seite kürzlich Erfolge bei der Einhaltung der Auflagen zum Schutz von Menschen, Umwelt und Kulturgütern bescheinigt hätten, betonte das Ministerium.

Auflagen nicht eingehalten
Zuvor war bekannt geworden, dass die Schweiz, Österreich und Deutschland keine weiteren finanziellen Garantien für den umstrittenen Ilisu-Staudamm mehr gewähren.

Begründet wurde dies mit der Nicht-Einhaltung von Umwelt- und Umsiedelungs-Auflagen durch die türkische Regierung. Trotz erheblicher Verbesserungen seien die Auflagen innerhalb der vertraglich festgelegten Frist nicht erfüllt worden, teilte die Schweizerische Exportrisikoversicherung mit. Daher seien die Grundlagen für eine Fortführung des Staudamm-Projektes Ilisu mit Exportrisikoversicherungen aus den drei Ländern nicht mehr gegeben.

Die Schweiz, Österreich und Deutschland hatten Exportrisikogarantien in Höhe von 700 Millionen Franken in Aussicht gestellt, falls die Türkei Auflagen in den Bereichen Umwelt, Kulturgüter und Umsiedlung erfüllt.

Lieferfirmen bedauern

Die Lieferfirmen aus der Schweiz, Österreich und Deutschland bedauern den Entscheid. Sie bangen um Aufträge in Höhe von rund 680 Millionen. Es sei vollkommen offen, wie es weitergehe, heisst es in einer gemeinsamen Erklärung. Es wird vermutet, dass die Türkei nun chinesische, russische oder indische Firmen mit dem Bau beauftragt.

Staudamm-Gegner feiern

Gegner des umstrittenen Staudammprojekts begrüssten den Rückzug hingegen. Der Ausstieg sei «das einzig richtige Signal», kommentieretn die entwicklungspolitische Orgainsation Erklärung von Bern und die internationale Stop-Ilisu-Kampagne. Mit dem Entscheid habe der Schutz von Menschen, Kulturgütern und Natur erstmals Vorrang vor kurzfristigen Wirtschaftsinteressen bekommen.

Staudamm bedroht Menschen und Umwelt

Während sich Ankara durch den Bau eine Verbesserung seiner Wasserversorgung und Stabilisierung seiner Energieversorgung in Südostanatolien erhofft, warnen Umweltschützer und Menschenrechtsgruppen vor unvorhersehbaren Folgen für die Umwelt. Mit dem Stausee würden Wohnorte von mehr als 10‘000 Menschen vernichtet. (pet, sda/ap/dpa)

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Audio-Beiträge:


Einmaliger Rückzug einer Exportrisiko-Garantie. (Fredy Gasser, 7.7.2009)
Hören (2:25)

Die Reaktionen in der Türkei sind gemischt. (Werner Van Gent, 7.7.2009)
Hören (2:18)

Jan Atteslander vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse bedauert den Entscheid. (Barbara Widmer, 7.7.2009)
Hören (2:32)

Christine Eberlein, bei der Erklärung von Bern zuständig für das Dossier Ilisu-Staudamm, ist über den Entscheid sehr zufrieden. (Michael Bolliger, 7.7.2009)
Hören (3:57)

Die Gründe für den Rückzug der drei Länder. (Philipp Meier 7.7.2009)
Hören (1:37)

Türkei-Korrespondent Werner van Gent über den Ilisu-Streit. (7.7.2009)
Hören (2:08)

Weiterführender Link zum Beitrag:

  • Weitere Informationen zum Staudamm-Projekt bei der Schweizerischen Exportrisikoversicherung.

Verantwortlich für diesen Beitrag:

news.online


Mehr zum Stichwort:

  • Türkei

In Kürze: Milliardenprojekt Ilisu

Mit dem 1,8 Milliarden Franken teuren Ilisu-Staudammprojekt will die Türkei die Energieversorgung der Bevölkerung sicherstellen und zugleich die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern. Geplant ist der Bau eines 135 Meter hohen, 1,8 Kilometer langen Staudamms und eines Wasserkraftwerks am Fluss Tigris rund 65 Kilometer flussaufwärts der syrisch-türkischen Grenze.

Seit dem Projektstart 2006 läuft eine Kampagne von Umweltschützern gegen das Vorhaben. Sie weisen unter anderem auf die drohende Zerstörung der Jahrtausende alten Stadt Hasankeyf hin, die fast vollständig im Stausee versinken würde. Auch der Irak ist gegen das Projekt, das Land befürchtet, wegen des schwindenden Wasserstands des Tigris bald auf dem Trockenen zu sitzen.

In Kürze: Exportrisikogarantie

Die Exportrisikogarantie (ERG) ist ein Instrument des Bundes, damit Schweizer Unternehmen im Ausland Aufträge übernehmen können. Mit der ERG sichert der Bund die Unternehmen gegen mögliche Zahlungsrisiken ab – etwa wenn in einem Land die politische und wirtschaftliche Situation unsicher ist.

Die ERG wurde 1934 geschaffen mit dem Ziel, Arbeitsplätze in der Schweiz während der grossen Krise zu sichern.

Allein im Jahr 2003 erteilte die ERG Garantien im Wert von insgesamt 2,2 Milliarden Franken. Die grösste Nachfrage bestand für Ausfuhren in die Türkei, gefolgt von Bahrain, Iran, China, Israel, Saudi-Arabien sowie Mexiko.

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