Befürworter der Minarett-Initiative wollten Zeichen setzen
Die Mitte-Parteien müssen über die Bücher
Furcht vor dem Islam war ausschlaggebend
Das Volksbegehren «Gegen den Bau von Minaretten» war Ende November 2009 von den Schweizerinnen und Schweizern überraschend deutlich angenommen worden - mit 57,5 Prozent Ja-Stimmen. Nun hat die so genannte Vox-Analyse von Politikwissenschaftern der Universität Bern die Gründe für das Stimmverhalten untersucht.
Befürworter gegen Ausbreitung des Islams...
Welche Motive führten bei den Befürwortern zu ihrem Entscheid? Am häufigsten wurde die Absicht genannt, ein symbolisches Zeichen gegen die Ausbreitung des Islams in der Schweiz und des von ihm propagierten Gesellschaftsmodells setzen zu wollen.
Etwa jeder sechste Befürworter begründete seinen Entscheid als Reaktion auf die Diskriminierung der christlichen Kirchen in islamisch geprägten Ländern.
...nicht aber gegen Muslime in der Schweiz
Konkrete Kritik an den in der Schweiz lebenden Muslimen gaben nur 15 Prozent der Ja-Stimmenden als Motiv an. Das Ja sei deshalb nicht als generelle Ablehnung der in der Schweiz lebenden Muslime zu verstehen, heisst es in der Vox-Analyse.
Eine Mehrheit von 64 Prozent aller Stimmenden habe sich voll oder ziemlich davon überzeugt erklärt, dass sich die schweizerische und die islamische Lebensweise gut vertragen würden.
Auf das Stimmverhalten wirkte sich diese positive Einschätzung allerdings überhaupt nicht aus. Auch diejenigen, die von einer sehr guten Verträglichkeit der beiden Kulturen ausgehen, stimmten dem Bauverbot für neue Minarette mit einem Ja-Anteil von 49 Prozent zu.
Gegner für Religionsfreiheit
Und wie begründeten die Gegner der Minarett-Initiative ihr Abstimmungsverhalten? Bei den Gegnern war laut Vox-Analyse die Einschränkung der in der Verfassung garantierten Grundrechte auf Religionsfreiheit und Nichtdiskriminierung für ihre Nein-Stimme ausschlaggebend.
Links-Rechts-Schema spielte
Laut der Vox-Analyse war das Stimmverhalten sehr stark vom Links-Rechts-Gegensatz geprägt. Das heisst, dass die Linke die Initiative mit über 80 Prozent Nein-Stimmen deutlich ablehnte, während die Rechte ihr fast ebenso klar zustimmte.
Das Zünglein an der Waage spielte die politische Mitte. Diese nahm das Minarettverbot im Verhältnis zwei zu eins an und verhielt sich damit laut Vox-Analyse grundsätzlich anders als bei früheren ausländerpolitischen Abstimmungen.
Bildung war entscheidender Faktor
Von den gesellschaftlichen Merkmalen wirkte sich die formale Bildung am stärksten auf den Abstimmungsentscheid aus. Wer als Bildungsabschluss eine Lehre hat, stimmte zu 76 Prozent mit Ja.
Wer eine höhere Berufsschule besuchte, war zu 48 Prozent und wer eine Hochschule absolvierte, war nur zu 34 Prozent für ein Minarettverbot. Weiter stimmten sowohl reformierte als auch katholische Christen zu rund 60 Prozent für die Initiative.
Geschlecht und Alter spielte keine Rolle
Keine grossen Unterschiede gab es im Abstimmungsverhalten nach Geschlecht und Alter. Im Gegensatz zu den nach der Abstimmung geäusserten Vermutungen kam das Minarettverbot aber bei den linken Frauen sehr schlecht an. Es stimmten nur 16 Prozent dafür.
Bei den linken Männern waren es mit 21 Prozent etwas mehr. Eine stärkere Sympathie der Frauen für das Minarettverbot gab es hingegen im Lager der Rechten. Dort legten 87 Prozent der Frauen und nur 71 Prozent der Männer ein Ja in die Urne.
1000 Stimmberechtige befragt
Für die 100. Vox-Analyse wurden 1008 stimmberechtigte Personen befragt. Das Forschungsinstitut GFS Bern führte die Befragung in den zwei Wochen nach der Volksabstimmung durch, wobei 31 Prozent der Interviews in den ersten fünf Tagen nach der Abstimmung stattfanden. Die Analyse der Daten wurde durch das Institut für Politikwissenschaft an der Universität Bern vorgenommen. (acd, ddp)
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