Buch-Tipp: Simon Froehling «Lange Nächte Tag»
«Lange Nächte Tag» ist ein Muss für Winterstarre-Müde: Dieses Buch hat eine vereinnahmende und weckende Kraft.
Patrick erzählt. Von Jirka, den er im Yoga kennengelernt hat. Der nach der ersten gemeinsamen Nacht rastlos bleibt, bis er bei Drogen und anonymem Sex ankommt und sich mit dem HI-Virus ansteckt.
Patrick erzählt von sich, der nach der ersten gemeinsamen Nacht aus Jirkas Wohnung flüchtet, weil ihn dieser Mann berühren könnte, ihn, dessen Nächste, die ihn berührt hatten, aus seiner Welt verschwunden sind, der Vater schon in der Kindheit, die grosse Schwester durch einen Unfall, die Mutter nach und nach ins Ausland.
Froehling beschreibt eindringlich eine Kindheit, die sich Patrick mit seiner Schwester schönphantasiert hat und Patricks junges Erwachsenenleben - eine kühle Arbeitswelt und das Er-Leben im schwulen Zürich.
Patrick und Jirka scheinen wie wunderschöne, in Öffnung begriffene Blüten, doch Jirkas Infizierung fällt wie ein Stein auf diese Entwicklung, wie zart oder brutal sie sich einander auch zuzuwenden versuchen. Die Unbeschwertheit der Zweisamkeit bleibt den Beiden von Beginn an verwehrt und trotzdem - oder gerade deshalb? - bringen Patrick und Jirka die Erlebnisfacetten des Verliebtseins in rasendem Tempo in die Zweisamkeit ein: Pure Glücksstrudel, Eifersucht und Schuldzuweisungen, Liebesentzug und immer wieder das Zueinander und Miteinander.
Der Roman thematisiert das Hier und Heute: «Ich stelle mir vor, wie sich in deinem Gehirn ein eigener Bereich gebildet hat, zwischen dem Ort, wo alle Lyrics gespeichert sind von den hundert Liedern, bei denen du mitsingen, und der Region, wo die fünf, sechs Rezepte abgelegt sind, die du auswendig nachkochen kannst - ein Bereich, in dem du alle Fachbegriffe archiviert hast und alle Informationen aus den Broschüren der Aidshilfe (...)» und erzählt mit klarer Sprache von zwei Ausnahmezuständen: Vom Kindsein und vom Verliebtsein.
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