Der «Löwe des Panjir» und sein Erbe
Gedenken an Afghanistans Nationalhelden: Ahmed Shah Massud ist im Panjirtal allgegenwärtig. (Reuters)
Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen ist in Kabul am Freitag an die Ermordung von Ahmed
Shah Massud erinnert worden. Anders als in den Vorjahren nahm Präsident Hamid Karzai nicht daran teil. Als Grund wurden Sicherheitsbedenken genannt. Sein Stellvertreter, ein ehemaliger Kampfgefährte Massuds, hielt die Gedenkrede.
Massud war auf den Tag genau vor zehn Jahren von zwei Selbstmordattentätern der Terrororganisation Al-Kaida in den Tod gerissen worden - zwei Tage vor den Terroranschlägen am 11. September, die zum internationalen Militäreinsatz in Afghanistan führten. (ank, sda/afp)
Von Südasien-Korrespondentin Karin Wenger
Neun Grossoffensiven der Roten Armee scheiterten in den 80-er Jahren im Panjirtal. Ahmed Schah Massud verteidigte seine Heimat bis zum Abzug der Russen 1989 wie ein Löwe. Heute ist Ruhe eingekehrt. Durch die enge Schlucht eingangs des Tales rauscht ein wilder Gebirgsfluss.
«Ein guter Muslim, ein starker Kämpfer, ein Held»
Vor einer Hütte am Strassenrand sitzt ein alter Mann mit schneeweissem Haar. Er hüte die Taleinfahrt, sagt er. Zu verteidigen gebe es heute allerdings nicht mehr viel. Das sei anders als damals, als die Russen kamen. Da seien die Panzer im Fluss geschwommen, erzählt der Alte. Ins Tal eingerückt seien jedoch weder die Russen noch später die Taliban. Das sei vor allem Ahmed Shah Massud zu verdanken. Massud, so erzählt der alte Gotteskrieger, sei ein guter Muslim, ein starker Kämpfer, ein Held gewesen.
Massud, der Held mit dem Ziegenbärtchen und dem Filzhut, ist in Afghanistan allgegenwärtig. Doch er sei genau wie die anderen Milizenführer ein brutaler Kriegsfürst gewesen, sagen Kritiker, wenn auch nicht ins Mikrofon. Nach dem Abzug der Sowjets kämpften Ahmed Shah Massud und seine Männer in einem jahrelangen Bürgerkrieg gegen andere Milizen um die Vorherrschaft in Kabul. 60'000 bis 80'000 Menschen kamen bei diesen Kämpfen ums Leben.
Massud trug mit seiner Tadschiken-Miliz massgeblich dazu bei, die Hauptstadt in Schutt und Asche zu legen. Besonders grausam wüteten Massuds Leute in den Quartieren der schiitischen Minderheit der Hazara. Zudem führte er den Tschador-Zwang ein und Fernsehsprecherinnen konnten nur noch aus dem Off ertönen.
Zusammenschluss zur Nordallianz
Erst als die Taliban Mitte der 90-er Jahre immer stärker wurden und schliesslich Kabul eroberten, schlossen sich Massud und seine ehmaligen Rivalen zur Nordallianz zusammen, um gegen die Taliban zu kämpfen. Diese wurden von Pakistan hochgerüstet, so dass die Nordallianz Anfang 2001 nur noch einen kleinen Landstrich kontrollierte.
Massud aber wollte nicht aufgeben, wie er in einem Interview vom 22. Januar 2001 mit dem Schweizer Fernsehen bekräftigte: «Wir müssen uns verteidigen. Unsere Leute wissen, wir werden von Pakistan, von einem fremden Land angegriffen», sagte er damals. «Wir haben bereits sehr viel verloren, aber wenn wir keinen Widerstand leisten, haben wir gar nichts mehr. Ich hoffe, dass wir die Pakistani bestrafen und aus Afghanistan rauswerfen können - genauso, wie wir das mit den Sowjets gemacht haben.»
Mörder tarnten sich als Journalisten
Massud forderte freie Wahlen unter internationaler Überwachung. Diese würden beweisen, dass die afghanische Bevölkerung mit der Taliban-Herrschaft nicht einverstanden sei. Doch es kam anders. Am 9. September 2001 wurde Ahmed Shah Massud von Selbstmordattentätern ermordet, die als marokkanische Journalisten getarnt waren.
Zwei Tage später fielen die Twin Towers in New York. Und im Oktober desselben Jahres begannen die amerikanischen und britischen Truppen mit ihrer Invasion in Afghanistan. Massuds Vision eines geeinten Afghanistan ohne fremde Interventionen ging nicht in Erfüllung.
Im abgelegenen Panjirtal befindet sich auf einer Anhöhe das Mausoleum von Ahmed Shah Massud. Arbeiter verleihen hier einer haushohen Kuppel den letzten Schliff, daneben rosten russische Panzer vor sich hin. Alte Mujahedin rauchen vor dieser bizarren Kulisse eine Zigarette. Was ist geblieben von der Vision ihres Anführers Massud?
«Der Geist des Widerstands ist wach wie eh und je»
Der Geist des Widerstandes sei so wach wie eh und je, sagt der pensionierte Kämpfer Mohammed Ria. Massud habe für ein freies Afghanistan ohne ausländische Einflüsse gekämpft. Alle hier im Tal seien bereit, diesen Kampf jederzeit wieder aufzunehmen.
Von einem freien Afghanistan kann heute nicht die Rede sein. Noch sind die Nato-Truppen im Land und bereits bringen sich die Nachbarländer in Stellung, um ihren Einfluss am Hindukusch auszuweiten, sobald die Truppen abgezogen sind. Die Regierung Karzai ist schwach und korrupt, zudem kontrollieren die Taliban bereits heute wieder weite Teile des Landes.
«Wenn die Nato geht, kommen die Taliban wieder»
Wenn die Nato-Truppen abziehen, dann kämen die Taliban wieder. Dies glaubt der ehemalige Leibwächter von Ahmed Shah Massud, ein bärtiger und wortkarger Riese, der seit neun Jahren das Grab hütet. Dann werde er sofort wieder Gewehr bei Fuss sein, versichert der alte Bodyguard.
In Kabul munkelt man schon heute, dass sich die alten Kämpfer bereits aufrüsten für die Zeit nach dem Abzug der Nato-Truppen 2014. Amrulla Saleh, der ehemalige Geheimdienstchef Afghanistans und einer der engsten Weggefährten Massuds, schmiede bereits jetzt Allianzen, um sich für einen möglichen Kampf gegen die Taliban zu rüsten.
Saleh, der selbst aus dem Panjirtal stammt, stattet just an diesem Nachmittag dem Grab von Massud einen Besuch ab. Würden die Nato-Truppen abziehen, ohne ein stabiles Afghanistan zu schaffen, stürze das Land wieder in eine riesige Katastrophe, sagt er. Mit den Taliban zu sprechen, wie das Präsident Karzai jetzt mache, kommt für ihn jedoch nicht in Frage. Der afghanische Staat sei schliesslich das Produkt von Blut und Opfern. Er werde es nicht zulassen, dass ein Präsident diesen Staat verkaufe, nur um seine eigene Haut zu retten, sagt Saleh.
Die alten Weggefährten Massuds könnten so vielleicht bald wieder ihre Waffen aus dem Schrank holen. Noch ist es allerdings nicht so weit. (ank/wenk)
