Haydn heute: vom Donnerstag, 31.12.2009, 13.45 Uhr, DRS 2
Sehr geehrter, lieber Herr Haydn! Ich schreibe Ihnen diesen Brief, um mich von Ihnen persönlich zu verabschieden. Ein ganzes Jahr haben wir jetzt miteinander verbracht. Oder vielmehr: habe ich mich mit Ihnen beschäftigen dürfen. Ich wollte mich bei Ihnen für die vielen schönen Momente bedanken, die mir Ihre Musik in diesem Jahr geschenkt hat. Ihre Musik, die ich, wo ich sie schon kannte, noch einmal vollkommen neu zu hören gelernt habe. Und was ich nicht alles neu von Ihnen entdecken konnte! Die riesige Wunderwelt Ihrer Streichquartette, Ihre Lieder, Ihre Opern Wie ist das nur möglich, habe ich mich oft gefragt, dass jemand, der von Vertrags wegen dazu verpflichtet ist, so viel Output zu liefern, sich immer wieder etwas Neues einfallen lässt, nicht der Versuchung erliegt, es sich in der täglichen Routine bequem zu machen. Ich verstehe jetzt besser, warum Sie vielen Menschen ein Vorbild waren. Heute, am letzten Tag des Jahres, beschäftigt mich Ihre letzte Sinfonie, von der Sie geschrieben haben, sie sei «the 12th which I have composed in England». Wollten Sie wirklich nie mehr eine Sinfonie schreiben? Und ist das erste Thema im Finale wirklich ein kroatisches Volkslied, das Sie in Eisenstadt gehört haben? Und wenn ja, welches? Ich weiss, Sie werden mir nicht antworten. Und das erwarte ich auch gar nicht. Ich wollte mich ja auch nur persönlich von Ihnen verabschieden und mich bedanken. Also alles Gute & Adieu, lieber Herr HaydnP.S. Gestatten Sie mir noch eine letzte Frage, die ich mich eigentlich gar nicht zu stellen traue, weil ich ja die Jüngere bin von uns beiden. Wollen wir uns nicht endlich duzen? Mehr
Haydn heute: vom Mittwoch, 30.12.2009, 13.45 Uhr, DRS 2
Das englische Publikum liebte Haydns Werke. Viele wurden in London uraufgeführt, wie zum Beispiel das Klaviertrio Nr. 33, aus dem es gleich einen Ausschnitt gibt. Umjubelte Konzerte, lukrative Unterrichtsstunden und die Tantiemen der Verleger machten Haydn zu einem wohlhabenden Mann. Die Englandreisen brachten dem über 60jährigen ein Vielfaches von dem, was ihm als Pension in seiner Heimat zustand. Haydn hatte ein waches Auge fürs Geld und notierte sich auch in seinem Tagebuch immer wieder Zahlen und Fakten rund um die Finanzen, so wie diese kuriose Geschichte über eine Erbschaftsangelegenheit: «Lord Littledon, ein sehr reicher und frommer Mann, hatte das Unglück, eines einzigen aber sehr liederlichen Sohnes Vater zu sein, ungeachtet er aber alle Mittel zur Besserung anwendete. Er gab ihm zuletzt seine sehr liebenswürdige Gattin, mit welcher er aber nicht länger denn drei Monate lebte und seinem Vater zurücksendete. Dieses Betragen beförderte den Tod des Vaters in kurzer Zeit. Kurz vor seinem Tod aber schrieb der Vater seinem Sohne, dass er ihm seinen Tod versüssen könne, in sofern er noch vor seinem Ende sich von seiner guten Gemahlin scheiden wollte, welches er ohne Verzug seinem Vater zusagte. Worüber der Alte ruhig starb, all sein Vermögen seiner Schwiegertochter vermachte. Es verflossen aber kaum 14 Tage - träumte der Sohn, dass sein Vater ihm erschienen und sagte, dass er in Zeit von 8 Tagen ein Kind des Todes sein werde, welches auch geschehen. Die junge Witwe ist noch am Leben: aber sehr traurig» Mehr
Haydn heute: vom Dienstag, 29.12.2009, 13.45 Uhr, DRS 2
Er hatte gedacht, dass es - einmal weg von Eisenstadt, befreit von seinen kappellmeisterlichen Pflichten in diesem straff durchorganisierten Tagesablauf - ruhiger werden würde. Er hatte gedacht, dass er jetzt endlich mehr Zeit haben würde. Es ist nicht, dass ihn die Inspiration verlassen hätte, ganz im Gegenteil. Aber London, so überwältigend diese Stadt auch ist, macht ihn zu schaffen. Ihm ist ob all der Eindrücke, der Kutschen, die ob seiner Anwesenheit ineinander krachen, ob all der Menschen, die ihn kennenlernen wollen, ob der fremden Sprache, ganz schwindlig. Freilich lässt er sich nichts anmerken und er komponiert geradezu besessen. John allerdings, in dessen Haus er gerade logiert, schaut ihn schon seit Tagen forschend an. Aber John Hunter ist auch Arzt. Und seiner Gattin Anne, die Dichterin, deren Worte so fein und ausgesucht sind wie überhaupt ihr ganzes Wesen, kann man erst recht nichts vormache. «Mir scheint, Ihr seid ein wenig blass um die Nase, bester Joseph», hat sie gesagt und ihn, der geschwiegen hat, weil ihm vor lauter Müdigkeit nicht die rechten englischen Worte in den Sinn und über die Lippen kommen wollten, an den stillsten Ort des Hauses geführt. Nun sitzt er also an ihrem Schreibtisch, wo sie ihre feinen Worte jeweils zu Papier bringt und von wo aus der Blick in den schönen Garten hinausgeht. Er kommt allmählich zur Ruhe und denkt, dass er es vielleicht ein paar Tage lang mit der Arbeit gut sein lassen wird, und nur lesen, Tee trinken und ein paar Briefe schreiben möchte. Dann sieht er, dass Anne heute Nacht allem Anschein nach gearbeitet hat. Denn die frisch beschriebenen Blätter liegen offen vor ihm und der Anstand gebietet eigentlich, nicht seine neugierige Nase hineinzustecken, was er natürlich trotzdem tut. Und er ahnt, dass sie die Blätter absichtlich dort hat liegen lassen. So hat sie ihn doch neulich erst gefragt, ob er nicht einmal ein Gedicht von ihr vertonen wolle. «Raffiniert, die Dame», denkt sich Haydn und er beginnt zu lesen: « now the dancing sunbeams play on the green and glassy sea ». Er merkt, wie die Musik in ihm aufsteigt, wie ihn die Noten fluten. Er seufzt, dann lacht er. Er kann's einfach nicht lassen. Er wird Papier und Schreibzeug brauchen. Und greift deshalb nach der Glocke, um der Maid zu läuten. Mehr
Haydn heute: vom Montag, 28.12.2009, 13.45 Uhr, DRS 2
Joseph Haydn hatte Ende des 18. Jahrhunderts vier Tasteninstrumente zur Auswahl: das Cembalo, die Orgel, das Fortepiano und das Clavichord. Etwa 50 Jahre später sollte noch ein weiteres hinzukommen: das Akkordeon. Haydn hat es natürlich nicht mehr erlebt. Schade, denn es hätte ihm bestimmt gefallen. Das Akkordeon ist im Laufe seiner Geschichte in vielen Ländern Europas zum beliebtesten Instrument für volkstümliche Musik geworden. Haydn hat das Volkstümliche geliebt und es in seiner Musik auch oft thematisiert. Ich bin deshalb überzeugt, dass er viele seiner Klavierwerke gerne auf einem Akkordeon gehört hätte. Die Volksnähe des Akkordeons darf aber nicht falsch verstanden werden. Denn interessanterweise wirkt «Lüpfiges» von Haydn auf dem Akkordeon keineswegs noch «lüpfiger», sondern eher getragen. Dafür tritt das Nachdenkliche und Melancholische stärker hervor. Das lässt sich bestens belegen am zweiten und dritten Satz der Sonate in F-Dur, Hob.XVI:23, gespielt von der jungen Schweizer Akkordeonistin Viviane Chassot. Mehr
Haydn heute: vom Donnerstag, 24.12.2009, 13.45 Uhr, DRS 2
Schloss Esterháza ist ein Muss auch über das Haydn-Jahr hinaus! Das ungarische Versailles, dass sich Fürst Nikolaus, der Prachtliebende, in die schilfbewachsenen Sümpfe Westungarns hat klotzen lassen, erstrahlt heuer in neuer Pracht: die Frontfassade wurde frisch getüncht, die fürstlichen Privatgemächer mit Mobiliar der Zeit bestückt, unzählige Stuckaturen neu vergoldet und restauriert, die verblassten Wand- und Deckengemälde mit neuer Farbe versehen. Von hinten betrachtet sieht die ganze Sache allerdings anders aus: die Rückfassade wittert und bröckelt vor sich hin, die zugigen Fenster bedürften dringender Erneuerung und der beklagenswerte Garten befindet sich in einem verwilderten Zustand. Was muss der Garten, oder besser gesagt, der Park einst für eine Pracht gewesen sein und so spektakulär in seinem Ausmass, dass Fürst Nikolaus in den Unterhalt seiner Gartenanlagen pro Jahr jeweils einen ganzen Staatshaushalt hat investieren müssen! Wer wollte, wer könnte das zahlen, in heutigen, krisengeschüttelten Zeiten? Mehr
Haydn heute: vom Mittwoch, 23.12.2009, 13.45 Uhr, DRS 2
Wie viele Menuette hat Joseph Haydn eigentlich komponiert? Mehr als 400, sagt das Haydn-Handbuch. Es zählt dabei all die Sätze in den Sinfonien, Streichquartetten, Klaviertrios, Solo-Sonaten, Baryton- und Streichtrios, die mit «Menuetto» überschrieben sind, oder etwas freier mit «Tempo di Minuetto». Mehr als 400 Mal hat Haydn einen solchen Tanzsatz mit seinem typischen Dreierrhythmus, den regelmässig durchgehenden Achteln und dem klaren Aufbau erfunden. Haydn bewegte sich da auf einem Gebiet, das ihm vertraut und Herausforderung zugleich war. Vertraut, weil Menuette zu seiner Zeit landauf, landab gespielt beziehungsweise damals noch getanzt wurden. Und Herausforderung, weil Haydn natürlich nicht 400 Mal dasselbe komponiert hat und, so hat er seinem Biographen Georg August Griesinger anvertraut, weil er davon geträumt hat, dass da mal einer käme und ein richtig neues Menuett schreibe. Mehr
Haydn heute: vom Dienstag, 22.12.2009, 13.45 Uhr, DRS 2
Joseph Haydn und Paris. Das ist eine fast 40 Jahre dauernde glückliche Beziehung, obwohl Haydn nie dort gelebt hat. Ab Ende der 1760er Jahre avanciert der Komponist zu einem der meistgespielten Komponisten an der Seine. Phasenweise zelebrieren die Pariser einen regelrechten Hype um den Österreicher, zahlen dem Komponisten etwa die fünffache Gage für seine Sinfonien. Die Gründe für Haydns Beliebtheit sind dabei verschieden. So beginnt im 18. Jahrhundert sich in Frankreich eine ausgeprägt bürgerliche Musikkultur zu entwickeln. Diese hat nichts mehr zu tun mit höfischen Repräsentationsveranstaltungen für erlauchte Kreise. Es werden mehrere Vereinigungen gegründet, die eigene Orchester unterhalten. Diese veranstalten öffentliche, für alle zugängliche Konzerte und finanzieren sich über Eintrittsgeld. Eine damals neue Praxis. Die Musik Joseph Haydns passt hier perfekt, denn der Komponist vertritt keine elitäre Kunstauffassung, sondern holt sich gerne musikalische Themen aus dem Volksgut. Seine Musik klingt «demokratisch». Doch dabei bleibt es natürlich nicht. Denn die beliebten Melodien sind nicht nur Dekoration, sondern werden im Verlauf des Stücks auf höchst phantasievolle Art und Weise durch diverse kompositorische Schleudergänge gejagt. Haydn blieb immer ein Mann des Volkes, war aber gleichzeitig ein unerreichbarer Meister seines Fachs. Auf diese Art wurde er schon zu Lebzeiten zum bürgerlichen Idol. Nicht nur in Paris. Mehr
Haydn heute: vom Montag, 21.12.2009, 13.45 Uhr, DRS 2
«Oh, wie das wieder juckt!» Johann Tost kratzt sich schon den ganzen Abend am Hals, er scheuert und reibt immer wieder über diese eine Stelle links unterm Kinn, dort, wo er seine Geige zwischen Kinn und Schulter eingeklemmt und wo sie ihre Spuren hinterlassen hat, die Haut dort am Hals über jahrelangem Spiel hat rot und wulstig werden lassen. Seine Musikerzeiten als Stimmführer der zweiten Geigen im Orchester des Fürsten Esterhazy liegen schon länger zurück, seine Violine staubt im Koffer vor sich hin. Mehr