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Gedichte von Burkart, Balàka und Politicky

Hier können Sie die besprochenen Gedichte nachlesen.

Gedichte von Erika Burkart
Erschienen im Band «Geheimbrief. Gedichte». Amman Verlag, 2009.

VERBORGENHEIT

Wir, die trüben Gäste der Erde,
die wir verbrauchen,
die uns verbraucht.

Zu einer schwarzen Beere
ist mein Leben geschrumpft,
ist bitter,
hält sich verborgen, hoffend,
der Dunkle Vogel
finde sie nicht.
DER TRAUM VOM LEBEN

In die späten, die kurzen,
immer kürzeren Jahre kommen,
da Gott sich zerstreut
in seine Dämonen,
du kleben bleibst am Gedanken,
daß praktisch alles, womit du so lebst,
Morgenbäume, geliebte Menschen,
Bücher und Abendfenster,

untergeht,
erwachst du im tieferen Schlaf
aus dem Traum vom Leben.

DIE FRÜHEN KNOSPEN

Als könnten sie einem von ihrer
in kleinstem Raum
geballten Kraft etwas geben.

Haut an Haut geschmiegt,
Flaum in Flaum
wie Liebende, die sich schützen
in der Ewigkeit einer Stunde
vor den Fängen der Nacht,
den Stichen des Lichts.

Eines fernen Morgens der Drang
sich zu öffnen, Trieb,
Mechanismus und mehr - ­

Es ist dieses Mehr,
das sie umschließen.
Sie wachsen, sie drängen,
Geburt eines Blatts
aus dem Mutterbaum.

Da steh ich im Kiesweg
und fasse es nicht,
möchte mithalten
von Grund auf -, ein Blatt,
das sich der Wurzel erinnert.

VOGEL. EIN DANK

Unsichtbar anwesend flugs
anderswosein,
lernte ich, Vogel, von dir,
lernte sehn
das offene Blau, das sehnliche Rot,
die fahlschwarze Ballung
Apokalypse,
Erzengelschwärze im weißen Licht.

Meine Seele gab ich dir mit,
flogst du am Fenster vorbei,
Vogel, Gedanke, ,
der mit Federn' in. Luft schreibt,
auf Schwingen Schimmer
und Schatten wiegt,
fliegend zeichnet und ausmißt,
wofür mir das Wort fehlt.

ALT

In den Abend hinabruhn,
Müdigkeit statt Empfindung,
Erschöpfung als Schmerz.

Im schwarzen Spiegel der Jahre
schatten die Bilder klaftertief:
Gesichter, Augen,
der Augenblick Da-Sein,
die Landschaft mit Einzelgänger:
ein trüber Gast
in eisiger Raumzeit.

Alt sind die Steine
und alt das Herz,
das seine Wurzeln
treibt unter Steine, zu suchen
die Wasser des Lebens,
das Salz der Liebe.

BIRKE IM MONDSCHNEE

Vor dem Milchglashimmel
die Birke im Mondschnee
hält schwebend sich aufrecht,
als bedürfte es keiner Wurzeln,
um in die Tiefe zu kommen,
wo Schweres leicht wird
aus eigener Kraft.

DAS GEDICHT

Notiert, korrigiert, verworfen.
Vergessen, erinnert,
neu konzipiert.

Unwillig verschickt; ein Geheimbrief,
denn sie kennen den Schlüssel nicht.

Stimme, die ein Gespräch sucht
In dieser und ferner Zeit,
das im Tod nicht erstickt.

Das Gedicht. Die in Schrift
und Sprache verborgene,
Erzadern führende
Schicht.

 

 

Gedichte von Bettina Balàka
Erschienen im Band «Schaumschluchten». Literaturverlag Droschl, 2009.

DAS LEBEN SOLLTE MIR
nun auch mal was
zu beflügeln geben
immer nur stutzen stutzen
das ist doch
kein Zustand
die Herdnischen wischen
die Höhenflüge
heimhalten im Rohbau
einen Brei nach dem
andern erfinden
und dabei bereit sein
seit siebzehn Jahren
für eine Entführung
um acht
AUSGEBRANNT
ein zerrissenes Haus
zerrissene Bücher
und da stehen noch Wände
zerborstene Scheiben
eine Schlacke von Zeitungsartikeln
und Milben und Blut

und dahinter
steht garantiert
ein blühender Kirschbaum
dem es egal ist
wie viele Bomben vor einer Woche
noch trafen
wieviel Geschrei
wieviel Wassernot
wie viele Kinder greis wurden
über Nacht

und dahinter
gleißt garantiert eine Himmelsfärbung
die das Auge süß nimmt
schmelzende Röte und ein
kirschgrüner Horizont

aber was ist wahr
die Gebeinsasche?
das mittsommernächtliche Fest?

ICH HÄNGE AN EINEM
Faden
den Haken
tief unter
die Schluckbewegung gekrallt

und während man mich herumwirft
das Eisen sich weiter
in die Unterbrust reißt

sagt jemand: Sieh nur
die glasstarren Augen
was für ein stummer
herzloser Fisch

ICH BLICKE ZURÜCK AUF DAS SCHLACHTFELD
und die Toten sehen nicht malerisch aus
und kein Nebel beglänzt ihre Wangen
die zerrissenen Fahnen schimmern nicht
kostbar im Morgenlicht
(wappenbestickter Samt und
blutgedunkelte Br9kate)
die Eingeweide wölben sich nicht
bläulich und schön wie Opale
keine Burg späht krähenumwittert
und beherbergt den Sieg

stattdessen drängen böse Worte sich
obszön um Pergamente
und aufgefressen, aufgerissen
ist ein jeder vollkommener Tag

ALS WÄRE ICH VON DIR ABGESCHNITTEN
als wäre ich aus deiner Haut geschnitten
und deinen Eingeweiden
als wäre ich ein verirrter Teil
deiner Eingeweide
der in einem Hubschrauber
einer eisgefüllten Styroporbox
erschrocken stockt

als käme ich erst jetzt auf die Welt
mit dieser Getrenntheit
mit dieser verschrumpelten
Spur einer Schnur

als hätte ich den Mund
zu voll genommen
mit meinem Lachen

als wärest du auf eine
Zille gesprungen
und bernsteinkarfunkelnd
hinunter den Fluss

HOCH OBEN
pfeift immer etwas
der Abgesang
die Sirene der Not
die der Verführung

die Winde, die alle Zauberer
auf den Grund schleudern
oder weiter noch
in den Abgrund

die Weigerung der Nachtmahre
sich in niedliche Fledermäuschen zu
verwandeln

die Weigerung der Schädel
ihr Gesicht preiszugeben

die Weigerung der Steinzeit
sich an den Haaren herbeiziehen
zu lassen

hoch oben gibt es immer
eine Plattform
von der aus man alles sieht
Punkte, Ameisen und Kommas

hoch oben
gibt es nichts zu essen
eine letzte Samengesandtschaft
Fallgitter
die Arbeitshosen und
Argusaugen der Gendarmerie

 

Gedichte von Matthias Politicky.
Aus dem Band «Die Sekunden danach. 88 Gedichte». Hoffmann und Campe, 2009.

Das Unglück

Wenn es dann schließlich eintritt, ist ja alles
schon tausendmal durchdacht und längst besprochen,
hast du dich schon so oft mit deiner Angst verkrochen
und alles durchgerechnet für den Fall des Falles,

daß nun, wo's wirklich ernst wird, nicht einmal ein Pochen
im Hals dir zeigt, wie es mit Urgewalt
dich überkommt. Mit einem Herz aus Glas, ganz kalt,
tust du und läßt, was du dereinst versprochen,

und lebst ansonsten einfach weiter. Erst nach Wochen
fällt dir ein Wimmern auf, wie es ununterbrochen
ans Ohr dir dringt. Doch nebenan der Raum ist leer,

und wie du schließlich merkst, du selber bist es, der
ganz leis' zu hören ist, da wird dir jählings schwer
ums Herz, und erst in diesem Augenblick ist es gebrochen.
Ode an das Müsli
Schnellkursus Werbelyrik

Unmöglich,
ein Gedicht über Müsli zu schreiben,
über den kroßgebacknen Knusperspaß
aus Vollkornglück, erst recht über das,
was neben Honig, Meersalz, Sonnenblumenöl,
Rohrzucker, Reis-Crispies, Palmfett und Weizensirup
noch alles, zwecks Verfeinerung, hinzuzugeben wäre:

Geraspelte Osterhasen (können Spuren von Alupapier enthalten),
geschredderte Haselsträucher (können Spuren von Nüssen enthalten),
Kokosopiat oder Kirschblütenlakritz,
Katzenzungen oder Schweinsohren,
vor allem: schwarze und rote Problembeeren
oder Melonensashimi mit Origami
oder – ­

Unglaublich, wenn sich das alles,
mit der Kraft und der Keuschheit kalter Milch vermischt,    ­
am Gaumen präsentiert, wenn Duft von feinen Sommerwiesen
in samtigen Aromen explodiert, frisch und
charmant beide Backen befüllt, um
im Abgang mit eleganter süßsaurer Länge zu schließen
: ein Gedicht

über Müsli zu schreiben,
unmöglich. Entweder man schmeckt es, oder
man schmeckt es eben nicht.
Zehn Jahre später

Aber sie sind doch so schön warm!
bestrahlt dich dann deine Frau
wenn du sie das erste Mal in einem Paar
wuschelwuselig grau
puschelpusselig sau­-
mäßig kuschelmuschel-helau!
dir entgegenschlappender
Haflinger- Filzpantoffeln
erleben darfst

nach zehn Jahren Ehe
hundert Jahren Gemeinsamkeit
und unzählbaren Stiefel-
­Sandaletten­
und Stöckelschuhschritten

durch ebenjenen Flur
in dem du dann stehst
mit kalten Füßen
und nicht weiterweißt
Auch das noch (I)

Nichts unbefriedigender als
– sagen wir dienstags um sieben ­–
nach einem sonndurchglühten Tag
inmitten glimmernder Großstadtlandschaft

(aus jedem zweiten Fenster die Musik
des Feierabends, auf dem Gehsteig allerorten
gedeckt ein Tisch, von dem es pausenlos
Geklirr, Gebrabbel, Lachen hoch in deine Stube trägt)

nichts unbefriedigender als an einem solchen Tag
geschloßnen Auges auf all das hinauszulauschen,
zu dem man jedenfalls für heute abend nicht gehört,
und dann klingelt mit einem Mal das Telephon

auf der gegenüberliegenden Straßenseite,
und es hebt noch nicht mal einer ab.

einflüsterungdesinkubusaneinemfreitagabendaufderausgehmeile
Mit Zwischenfrage meines Sohnes

ogottogottdasisthierjaderhelle
dasdarfdochgarnichtwahralsobhiereinequelle
istjaschiernichtdasgrenztjaschonanskriminelle
ichglaubmichtrittdasallesistinemeinzgenleben
verfluchterscheißjawirklichsehr

Du meinst, es sollte dein und mein Bestreben -?

meinsohnwennwirnichthierundjetztundaufderstelle
dannbrauchenwirauchnieundnimmermehr

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Weiterführende Links zum Beitrag:

  • Erika Burkart im Schweizerischen Literaturarchiv
  • Homepage Bettina Balàka
  • Homepage Matthias Politycki

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