Libanons sorgenvoller Blick über die Grenze
Ein Militärfahrzeug patroulliert in Bab al-Tabbaneh, dem vor allem von Sunniten bewohnten Stadtteil Tripolis. (Reuters)
Von Nahostkorrespondentin Iren Meier
Der Schauplatz ist allen Libanesen bekannt: Wenn es in der nordlibanesischen Stadt Tripoli zu Gewalt und Zusammenstössen zwischen anti-und prosyrischen Gruppen kommt, ist das stets in Bab al-Tabbaneh und Jabal Mohsen, in zwei aneinandergrenzenden Quartieren. Im ersten leben Sunniten, sie sind gegen das syrische Regime. Im zweiten leben Alawiten, sie sind Anhänger von Assad.
Angst vor dem Abgrund eines Bürgerkriegs
Die libanesische Armee hat es in den vergangenen Jahren und Monaten immer wieder geschafft, die Situation oberflächlich zu beruhigen. Jetzt aber schrecken die Meldungen von neuen Kämpfen in Tripoli viele Libanesen auf. Die Angst, dass der Syrien-Konflikt den Zedernstaat erfassen könnte, ist seit langem da. Nun wird sie konkret: Sind die Kämpfe zwischen Sunniten und Alawiten in Tripoli Vorboten des schlimmsten Szenarios, vor dem sich so viele fürchten? Dass nämlich der Libanon mit in den Abgrund eines Bürgerkriegs gerrissen wird?
Seit Beginn des Aufstandes in Syrien haben sich die libanesischen Politiker für ihre Verhältnisse zurückgehalten. Das Thema Syrien wurde in der Öffentlichkeit fast tabuisiert, denn es spaltet die libanesische Gesellschaft bis ins Mark. Schon lange: Von 1975 bis 2005 waren syrische Truppen im Libanon stationiert, die die einen als Friedensmission betrachteten, die anderen als Besatzung.
Nach dem Mord am früheren Premier Rafik Hariri vor sieben Jahren verhärteten sich die pro-und antisyrischen Fronten im Libanon noch mehr: Die eine Hälfte der Libanesen ist überzeugt, dass das Assad-Regime diesen Mord verübt oder in Auftrag gegeben habe, die andere Hälfte hält dies für eine Verschwörungstheorie.
Die Fronten sind klar
Diese Fronten zeigen sich nun auch im Syrien-Konflikt: Es gibt Libanesen, die Syrien als das letzte arabische Land beziehungsweise Regime sehen, das sich gegen die Hegemonie der USA und Israels in der Region und gegen einen ungerechten Nahostfrieden wehrt. Die prosyrische Regierung von Premier Mikati, in der auch die schiitische Hisbollah sitzt, vertritt diese Meinung. Andere sehen im Assad-Regime den Feind schechthin. So ruft Saad Hariri, Ex-Premier und heute sunnitischer Oppositionsführer, der eng mit Saudi-Arabien verbunden ist, zum Sturz Assads auf.
Die beiden Lager machen sich gegenseitig Vorwürfe. So heist es, die Umgebung Hariris unterstütze die syrischen Rebellen auch materiell. Und umgekehrt heisst es, die Regierung Mikati und damit der Libanon machten sich zum Handlanger des Assad-Regimes.
Die Sonderrolle des kleinen Nachbarn
In der internationalen Politik in Bezug auf Syrien nimmt der Libanon im Moment eine Sonderrolle ein, die ihm die anderen Staaten auch zugestehen. Der kleine Nachbar Syriens stimmt in internationalen Gremien, zum Beispiel in der Uno, nicht gegen das Regime in Damaskus - in der Hoffnung, sich so aus dem Konflikt heraushalten zu können. Denn der multikonfessionelle, zerbrechliche Zedernstaat ist schon einmal zerstört worden in einem 15-jährigen Bürgerkrieg, der erst 1990 endete. Diesen Alptraum noch einmal erleben zu müssen, ist heute die grösste Angst der Libanesen. (ank)
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