Taliban reagieren zurückhaltend auf Skandalbilder
Von Südasien-Korrespondenten Karin Wenger
Natürlich blieben auch die Reaktionen in Afghanistan nicht aus. Präsident Hamid Karzai nannte die Tat zutiefst unmenschlich. Auch in der Bevölkerung ist die Empörung gross. «Amerikanische Soldaten, die auf die Leichen von Muslimen urinieren, haben ein Verbrechen begangen», sagt ein Händler. «Weil sie das tun, wollen wir sie nicht mehr hier auf unserem Boden. Wir wollen hier keine ausländischen Soldaten.»
Erinnerungen an Abu Ghraib
Die Bilder rufen Erinnerungen wach: Zum einen an die Missstände im Gefängnis von Abu Ghraib im Irak, wo amerikanische Soldaten Gefangene folterten und erniedrigten. Sie erinnern aber auch an die Bilder vom vergangenen März, als Soldaten stolz mit Leichen von Afghanen posierten.
Die Bilder damals lösten Schockwellen und Bestürzung aus - und provozierten Racheakte. Es erstaunt deshalb, dass es nach den jüngsten Bildern weitgehend ruhig geblieben ist. Noch wüssten gar nicht alle von dem Video, erklärt ein afghanischer Journalist diese Ruhe. Die, die davon wüssten, seien verletzt, aufgebracht, schockiert «und enttäuscht», fügt der Mann hinzu. «Es ist ja nicht das erste Mal, dass so etwa passiert.»
Taliban wollen Dialog fortsetzen
Umso mehr erstaunt, dass sich die Taliban sehr gemässigt zu Wort gemeldet haben, obwohl es sich bei den mutmasslichen Toten im Video um Taliban handeln soll. Ein Sprecher verurteilte das Verhalten der Soldaten zwar als unmenschlich und unmoralisch, es werde den politischen Dialog aber nicht gefährden.
Befürchtungen, dass die erst kürzlich wieder begonnenen Gesprächsbemühungen mit den Taliban durch das Video zunichte gemacht werden könnten, scheinen sich nicht zu bestätigen. Die Gespräche mit den Taliban waren im vergangenen September abgebrochen worden, nachdem der Chef des Friedensrates ermordet worden war.
Ende Dezember gab Präsident Hamid Karzai dann grünes Licht für die Eröffnung eines Verbindungsbüros der Taliban in Katar. Die Eröffnung einer solchen Vertretung ausserhalb der umkämpften Gebiete in Afghanistan und Pakistan gilt für die internationale Gemeinschaft als wichtigster Schritt hin zu einem Verhandlungsfrieden.
Aussenbüro in Katar soll offenbar bestehen bleiben
In Katar sollen die Taliban direkte Gespräche mit den Amerikanern beginnen. Diese Gespräche wollten auch die Taliban unter keinen Umständen gefährden, sagt die afghanische Parlamentarierin Fawzia Kufi. Deshalb, so glaubt sie, hätten sie auch das Video so zurückhaltend kommentiert. Die Taliban erhofften sich einiges von den direkten Gesprächen mit den Amerikanern und dem Büro in Katar - etwa die Entlassung ihrer Gefangenen und Zugang zu mehr Ressourcen und dem Geld der Golfregion. Zudem, so Kufi, seien sie viel freier in Katar und genössen Immunität, würden also nicht ständig verfolgt wie in Afghanistan.
Das Büro in Katar und die Gespräche sind nach Meinung von Fawzia Kufi längst kein Garant für Frieden oder Stabilität in Afghanistan. «Wieso sollten sich die Taliban jetzt in eine Regierung integrieren, wenn die Situation im Land 2014 mit dem Abzug der Nato-Truppen sowieso wieder ganz anders sein wird?», fragt die Abgeordnete rethorisch. Für die Taliban sei der Schritt zu Gesprächen und die Eröffnung des Büros deshalb vor allem eine eigennützige Sache.
Von dort aus können sie sich bestens auf die Zeit nach dem Abzug der Nato-Truppen vorbereiten und Allianzen schmieden. Dass sie dabei mit gutem politischen Kalkül agieren, haben sie in diesen Tagen nach dem Erscheinen des Videos bewiesen. (ank)
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