Verwirrung um frühzeitigen Afghanistan-Abzug
US-Verteidigungsminister Leon Panetta beim Treffen der Nato-Verteidigungsminister: Wann ziehen die ausländischen Truppen ab? (Keystone)
Von Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent Schweizer Radio DRS
Auf einmal haben es alle eilig: In vielen Ländern wird gefordert, das teure und opferreiche Militärengagement in Afghanistan möglichst rasch zu beenden. Holländische und kanadische Kampftruppen zogen bereits ab. Auch die übrigen Nato-Länder wollen das Gros ihrer Soldaten nicht erst Ende 2014 heimholen.
Für eine Überraschung sorgte nun US-Verteidigungsminister Leon Panetta. Er hoffe, sagte er vor dem Nato-Treffen in Brüssel, dass die Amerikaner die Kampfeinsätze schon Mitte nächsten Jahres weitgehend beenden könnten. Auch die Franzosen wollen ihre Kämpfer 2013 abziehen, die Deutschen planen ebenfalls einen schrittweisen Abzug.
Zwei Wahlkämpfer drängen auf ein Ende des Einsatzes
Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen relativiert zwar. Alle Nato-Mitglieder hielten am Prinzip fest, den Einsatz gemeinsam zu beginnen und ihn auch gemeinsam zu beenden. Der Beschluss, ab Ende 2014 seien die Afghanen selber voll für ihre Sicherheit verantwortlich, bleibe gültig. Doch Rasmussen räumt ein: Schon vorher werde man einen grossen Teil der Verantwortung abgeben.
Wenig erstaundlich, dass mit Nicolas Sarkozy und Barack Obama ausgerechnet zwei Präsidenten, die im Wahlkampf stehen, auf ein rasches Einsatzende drängen. Denn die Afghanistan-Mission ist zunehmend unpopulär, zumal es immer weniger nach einem Erfolg aussieht.
Irritiationen in Kabul
Irritiert über das plötzliche Tempo ist hingegen die Regierung in Kabul. Dort heisst es, der vereinbarte Abzugsplan werde über den Haufen geworfen. Tatsache ist: Die Chancen von Präsident Hamid Karzai, sich auch ohne Nato-Präsenz an der Macht zu halten, sind nicht besonders gross.
Zieht ein Grossteil der Nato-Kampftruppen tatsächlich eher vom Hindukusch ab als geplant, hat das eine gravierende Konsequenz: Für die noch kaum begonnenen Friedensgespräche auch mit den Taliban bleibt nurmehr wenig Zeit. Die Gefahr wächst somit, dass über die künftige Machtaufteilung in Afghanistan nicht Verhandlungen entscheiden, sondern Waffen. In einem Bürgerkrieg, wie schon so oft in der Geschichte des Landes. (ank)
