Experten kritisieren schwimmende Kolosse
Kreuzfahrtschiffe werden immer grösser.
- Freitag, 18.5.2012: Bergung der «Costa» beginnt nächste Woche
- Donnerstag, 22.3.2012: Treibstoff aus Havarie-Schiff abgepumpt
- Mittwoch, 22.2.2012: Weitere Leichen in der «Costa Concordia» entdeckt
- Freitag, 27.1.2012: Reederei entschädigt Passagiere
- Mittwoch, 25.1.2012: Die wirren Geschichten des Kreuzfahrt-Kapitäns
- Dienstag, 17.1.2012: Schwere Vorwürfe gegen den Kapitän
- Montag, 16.1.2012: Hintergrund: Die «Costa Concordia»
Von Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent
Eigentlich wollte die Uno-Seefahrtsbehörde diese Woche in London eine kleine Feier ausrichten. 100 Jahre nach dem Untergang der Titanic wollte die International Maritime Organisation (IMO) daran erinnern, wie sich die Sicherheitsvorkehren auf hoher See seither verbessert haben. Die Feier wurde nun aus aktuellem Anlass abgesagt.
Statt dessen sieht sich die IMO mit Medienanfragen anderer Art konfrontiert. Die IMO müsse ernsthaft Lehren aus diesem Unfall ziehen, die Sicherheitsvorschriften für grosse Passagierschiffe überprüfen und allenfalls anpassen. Dies teilte die Organisation gegenüber Schweizer Radio DRS mit.
Unterschiedliche Interessen
Doch der Handlungsspielraum der IMO ist beschränkt: Sie steht mitten zwischen höchst unterschiedlichen Interessen. Die einen fordern mehr Sicherheit. Die Reeder wiederum planen vor allem bei Kreuzfahrt- und Containerschiffen immer grössere Ungetüme.
Und die Staaten schliesslich erteilen der Uno-Behörde nur beschränkte Kompetenzen. Die IMO habe kein Mandat die Sicherheitsmassnahmen weltweit durchzusetzen und zu überprüfen. Das sei Aufgabe der einzelnen Staaten, teilte die Organisation weiter mit.
Genauso wenig wie das die Uno etwa bei der Sicherheit von Atomkraftwerken hat. Dieser Mangel wurde nach der Fukushima-Katastrophe offenkundig. Und dürfte nun auch punkto Sicherheit auf See zum Thema werden.
Kritik an Megaschiffen
Hinter vorgehaltener Hand hört man bei der IMO Kritik. Längst nicht alle Länder würden das Design, die Brandschutzvorkehren, die Evakuierungsmassnahmen oder die Ausbildung der Besatzung gleichermassen penibel kontrollierten. Auch den neuen Megaschiffen steht man kritisch gegenüber.
Klar ist: Es gibt immer mehr Kreuzfahrtschiffe. Weltweit sind es über 300. Kein Bereich in der Touristikbranche boomt wie dieser. Die Reedereien überbieten sich beim Bau riesiger Kolosse. Der grösste fasst fast 6000 Passagiere und zählt 2200 Besatzungsmitglieder - eine schwimmende Kleinstadt.
Schwerste Bedenken
Für Allan Graveson von der Seeleutegewerkschaft Nautilus International ist das hochproblematisch. Dies sagte er gegenüber BBC Radio 4. Bei einigen Schiffstypen habe man schwerste Bedenken. Zu flach sei der Kiel, turmhoch dafür die Aufbauten - das seien einfach heikle Designs.
Zudem: Je grösser ein Schiff um so mehr Treibstoff könnte auslaufen. Ausserdem müsse man die ganzen Evakuierungsmassnahmen von Grund auf überdenken. Denn die müssten fundamental anders sein bei einem Schiff mit 4000 oder 8000 Menschen an Bord.
Zwar beurteilt die IMO die Evakuierungsmassnahmen im aktuellen Fall positiv. Aber die Risiken werden nun eindrücklich vor Augen geführt. Während die Uno-Seefahrtsbehörde die Sicherheitsvorkehren weiter verschärfen möchte, wehren sich die Reeder: Denn Sicherheit kostet Geld, Rettungsinseln beispielsweise brauchen Platz zulasten von Passagierkabinen. (fors)
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