Spanien (Gruppe D)
Die spanische Nationalmannschaft
44 Jahre nach dem EM-Titel im eigenen Land steht Spanien wieder auf Europas Fussball-Gipfel. Nach vielen Triumphen beim Nachwuchs stürmten die Iberer mit attraktivem Spiel verdient zum Erfolg. Der älteste Coach der EM, Luis Aragonés, hat eine Auswahl mit Teamgeist und modernster Spielgestaltung geformt.
Mit Geduld und Nerven zum Ziel
Ausgerechnet bei ihrem schlechtesten Auftritt an dieser EM
bewiesen die Spanier, dass sie nun reif sind für den Titel. Im
Viertelfinal gegen Italien wollten sie einfach keinen Weg finden
durch das Bollwerk der «Azzurri».
Aber die jungen Spanier spielten geduldig, blieben ruhig, rannten nicht ungestüm an und liefen
letztlich gegen die Weltmeister nicht ins Verderben wie es
womöglich in früheren Jahren noch geschehen wäre. Und am Ende eines
langen und langweiligen Fussball-Abends waren sie die Sieger,
gewannen das Penalty-Schiessen, nachdem sie zuvor x-mal bei
Turnieren in der Kurz-Entscheidung gescheitert waren.
Mehr Spieler in Führungspositionen
Dass der Wind für Spanien im Jahr 2008 gedreht hat, ist nicht
bloss eine Laune des Schicksals. Genauso wie man das jahrelange,
mehr oder minder frühe Scheitern bei WM und EM nicht erklären konnte. Die Analyse geht tiefer.
Die aktuelle «Seleccion» hat nicht zwingend mehr Talent als frühere Auswahlen, aber sie vereint mehr Spieler, die in Grossklubs Führungspositionen einnehmen (Puyol, Iniesta, Xavi) oder den Sprung ins Ausland gewagt haben (Torres). Ähnliche Qualitäten wies die spanische Auswahl letztmals wohl vor rund 20 Jahren auf, als die Generation um die Real-Stars Butragueño, Michel und Italien-Legionär Martin Vasquez vergebliche Jagd auf internationale Erfolge machte.
Wahrer Team-Geist
Was das Team von Luis Aragones zudem auszeichnet und von
früheren Auswahlen unterscheidet ist der uneingeschränkte
Team-Geist. Der Coach selbst hat daran mit der Ausbotung von Real-
Captain Raúl grossen Anteil. Grüppchen, die sich im Nationalteam
über die Jahre gebildet hatten und dem Erfolg hinderlich gewesen
waren, wurden quasi über Nacht aufgelöst.
«Noch nie war es angenehmer, im Nationalteam zu spielen als jetzt», sagte Xavi, der 1:0-Schütze im Halbfinal. Ein Beispiel für den Gemeinschaftssinn der Gruppe ist die Tatsache, dass Xabi Alonso beim Essen am gleichen Tisch sitzt wie Marcos Senna, obwohl dieser ihm den Stammplatz weggeschnappt hat.
Phänomenale Ersatzbank
Neben diesen Vorzügen ausserhalb des Rasenvierecks begeistert
das spanische Ensemble aber eben auch in seinem Kerngeschäft. «Es
war über das gesamte Turnier das konstanteste Team», hatte auch der
deutsche Teammanager Oliver Bierhoff erkannt.
Der bald 70-jährige Aragonés atmete auf der Bank bisweilen zwar schwer, doch er liess seine Mannen den modernsten Fussball aller 16 Teams spielen: «One- Touch-Football», oder eben «Tiqui-Taca», wie sie diese Art in Spanien nennen.
Nicht abhängig von Stars
Und im Gegensatz zu anderen Ländern waren die
Iberer auch nicht von einzelnen Namen abhängig. Denn zu den
Reservisten gehörten Spieler wie der Arsenal-Regisseur Cesc
Fabregas und Xabi Alonso, der mit Liverpool schon die Champions
League gewann, oder Daniel Güiza, der Pichichi mit Mallorca in der Primera Division.
Erst am Anfang
Und das beste am spanischen Triumph: die Mannschaft hat die
Zukunft noch vor sich. Von der Final-Startformation sind nur die
Verteidiger Carles Puyol und Joan Capdevila sowie Mittelfeldspieler
Senna über 30 Jahre alt. Aragonés übergibt seinem Nachfolger ein
Team, das zwar auf dem Gipfel steht, seinen Zenit aber noch nicht
erreicht haben muss.
Der Trainer
Der spanische Nationaltrainer Luis Aragonés war in seiner Heimat umstritten. Mehrere Male stand er kurz vor dem Rücktritt, so etwa zu Beginn der EM-Qualifikation, als die Spanier nach Niederlagen gegen Schweden und Nordirland mit dem Rücken zur Wand standen.
Doch den Widrigkeiten zum Trotz hielt sich der 69-jährige Aragonés beharrlich auf seinem Trainerstuhl. 2004 hatte die Atletico-Legende den Posten nach der verpatzten EM in Portugal von Inaki Saez übernommen und blieb in der Folge 25 Partien ungeschlagen - bis zum Achtelfinal-Out an der WM 2006 gegen Frankreich.
Danach büsste Aragonés aber viel Kredit ein, nicht zuletzt wegen seiner unwirschen Auftritte bei Medienkonferenzen. Aragonés wird nach der EM 2008 durch Ex-Real-Trainer Vicente del Bosque abgelöst.
Spanien in Kürze
Gründung Verband: 1913.
FIFA-Beitritt: 1904.
FIFA-Ranking im November 2007: 4.
EM-Teilnahmen (7): 1964 (Europameister), 1980 (Vorrunde), 1984 (Final), 1988 (Vorrunde), 1996 (Viertelfinals), 2000 (Viertelfinals), 2004 (Vorrunde).
Qualifikation: 1. Platz in der Gruppe F.
Bester Torschütze in der Qualifikation: David Villa (7 Tore).
Nationalcoach: Luis Aragones.
Bilanz der Schweiz gegen Spanien: 18 Spiele/0 Siege/3 Unentschieden/15 Niederlagen.
Letztes Spiel: Schweiz - Spanien 0:3 (in Washington/USA, 2. Juli 1994).
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