(Sean Svadilfari)
Wasser ist auch ein Kulturgut
Wer am Morgen aufsteht, duscht, den Deodorant appliziert, in die Kleider schlüpft, frühstückt, den Kindern das Pausenbrot streicht und dann zur Arbeit fährt, wird wohl an vieles gedacht haben, nur an das nicht - ans Wasser.
Und doch: Stünde ein Wassermengenbuchhalter neben uns und rechnete er uns vor, wie viel Wasser wir bereits verbraucht haben, bis wir das Haus verlassen haben, wir würden staunen:
- für die Dusche mindestens 40 Liter;
- allein in einem T-Shirt stecken 4000 Liter Wasser;
- für eine Tasse Kaffee werden 140 Liter Wasser gebraucht;
- ein Kubikmeter Wasser steckt in einem Laib Brot;
- und 5000 Liter sind es in einem Kilo Käse.
130 Liter Wasser verbrauchen wir pro Tag durchschnittlich für Duschen, Waschen, Trinken, aber weitaus mehr sind es beim «virtuellen Wasser», nämlich 4000 Liter. Wasser, das für die Herstellung der vielen Produkte des täglichen Gebrauchs verwendet wurde, nicht nur für Nahrungsmittel und Kleidung, sondern auch für die Mikrochips in unseren Computern, für die Lackierung unserer Autos, und eben auch für den Deodorant.
Nun ja, werden wir dem Wassermengenbuchhalter entgegnen, die Schlüssel bereits in der Hand und auf dem Sprung zur Arbeit, vielleicht mit einem Blick auf den Leuchtglobus, der in der Stube steht – dass es ja genug davon hat, auf dem blauen Planeten, nicht wahr? Das viele Blau, das viele Wasser, die vielen Seen?
Der Wassermengenbuchhalter
Tatsache ist, dass nur 1 Prozent des weltweit vorhandenen Wassers überhaupt an oder Nahe der Erdoberfläche verfügbar ist, und von diesem einen Prozent ist wiederum gerade mal 2,5 Prozent als Süsswasser vorhanden, und von diesen 2,5 Prozent wiederum fliesst gerade mal ein Drittel als flüssiges und somit auch nutzbares Süsswasser; der Rest ist in Eis gebunden.
Was bedeutet: Von einer schier unermesslichen Wassermenge auf unserem Planeten steht den 7 Milliarden Erdbewohner nur eine minime Menge überhaupt zur Verfügung. Davon wird getrunken, wird Landwirtschaft getrieben, werden Produkte hergestellt, darin wird gebadet und geduscht, darauf wird geplanscht und gepaddelt. Und die Prognosen für die kommenden Jahre sind eindeutig – für viele Menschen wird Wasser knapp werden.
Schön und gut, werden wir antworten, leicht entnervt jetzt und mit dem Schirm in der Hand, weil es schon wieder regnet – schön und gut, aber was sollen wir Wasser sparen in einer Gegend, in der es immer wieder regnet, eigentlich viel zu viel, und im Frühjahr immer diese Überschwemmungen?
Der unbequeme Wassermengenbuchhalter, mit geduldiger Miene, würde an dieser Stelle tief Luft holen und zu einer längeren Erklärung ansetzen:
Dass tatsächlich die prognostizierte Wasserknappheit nicht alle Regionen der Welt gleich treffen wird. Europa mit einem durchschnittlichen Wasserverbrauch von 232 Kubikmeter Wasser pro Kopf und Jahr, auch Kanada und die USA mit jährlich rund 366 Kubikmeter Wasserverbrauch, im weiteren ganz Russland – sie werden von der Knappheit kaum betroffen sein.
Hingegen wird es kritisch in Gegenden wie Indien, auf der gesamten arabischen Halbinsel, und in vielen Ländern Afrikas wird das Wasser knapp, weil die Menschen dort nach wie vor über keine Infrastruktur verfügen, die ihnen den Zugang zu Trinkwasser und zu landwirtschaftlich nutzbarem Wasser ermöglicht. Das alles, wird der Wassermengenbuchhalter abschliessend bemerken, wird verschärft durch die globale Klimaerwärmung – sie wird die ariden Zonen weiter austrocknen und in den wasserreichen Zonen zu mehr Niederschlag, mehr Unwettern führen.
Und, werden wir insistierend fragen, was hat das mit uns zu tun?
Ein komplexer Kreislauf
Der globale Wasserkreislauf ist ein komplexer Vorgang, der auch von der Wissenschaft nur bedingt mit Modellen dargestellt werden kann. Die Ozeane mit ihren enormen Wassermengen, Landtemperaturen, Windrichtungen, die Atmosphärentemperatur allgemein – alles beeinflusst den Kreislauf des Wassers.
Doch es gibt einen zweiten Kreislauf, der ebenso global ist, aber von Menschen gemacht ist und auch gesteuert werden kann. Er geht Hand in Hand mit den anderen grossen Kreisläufen, die unsere globalisierte Wirtschaft bestimmen, den Warenfluss, den Geldfluss und den Fluss der Informationen. Wasser, das in grossen Mengen gebraucht wird, um Waren und Nahrungsmittel herzustellen, Güter, die dann über weite Strecken in die Regale der Supermärkte wandern, von Bohnen aus Ägypten über Erdbeeren aus Südafrika, Spargeln aus Peru und Computer, Handys, Spielwaren aus China – immer reist auch virtuelles Wasser mit.
Wasser ist aber, in Zeiten zunehmender Knappheit, als Geldanlage interessant. Kaum ein Investmentfonds, der nicht auch einen «Wasserfonds» im Portfolio mit führen würde, eine Möglichkeit für Investoren, sich an den unzähligen Projekten zur Privatisierung von Wasserwerken, an Trinkwasserkonzernen, an Vorhaben zum Bau von Infrastrukturen für Wasserverteilung zu beteiligen – Wasser verspricht Gewinne.
Dass bei den vielen Vorhaben zur Privatisierung von Wasser das eine oder andere Projekt scheitert (die privatisierten Londoner Wasserbetriebe), nehmen wir aus dem globalen Informationsfluss zur Kenntnis; und dank den omnipräsenten Bildern erfahren wir auch von jeder Flutkatastrophe, die Ernten vernichtet hat (und die Preise für Weizen an den Börsen in die Höhe treibt), wir sehen Bilder von Menschen, die in den Slums von Manila in Tümpeln voller Abfall baden (und alle Gesundheitskampagnen zunichte machen), wir sehen die Folgen der Dürre in Australien (und wissen, dass das die Vorboten der Klimaerwärmung sein könnten).
Ob wir es wollen oder nicht: Wasser ist in der globalisierten Wirtschaft zu einer kritischen Ressource geworden – Wasser ist der Schlüssel zu Reichtum, fehlendes Wasser ist gleichbedeutend mit Armut, und wenn sich die Gegensätze weiter öffnen, sind soziale, auch kriegerische Konflikte nicht ausgeschlossen. Erste Vorboten erleben wir in Palästina, in Teilen Spaniens, in Zentralasien rund um den Aralsee, in Ägypten, im Senegal, auf dem indischen Subkontinent.
Eine kulturelle Wende
Bereits vor zehn Jahren hat der Sozialwissenschaftler Riccardo Petrella ein Manifest mit dem Titel «Wasser für alle» publiziert, in dem er fordert, das Wasser zum gemeinsamen Erbe der Menschheit erklärt werden soll. Unzählige Konventionen, aber auch Nichtregierungs-organisationen, haben sich diesen Gedanken bisher zu eigen gemacht; aber noch gibt es kein international verbrieftes Recht auf Wasser - mag sein, dass es noch Jahre dauern wird, bis dieses Recht festgeschrieben ist.
Vorderhand liesse sich Petrellas Forderung weiterdenken: Wasser verstanden als ein Element, das nicht nur als Trinkwasser, als Bewässerung, als Rohstoff für Produktion zu fassen wäre, sondern auch als ein verbindendes, gemeinsames Kulturgut. Ein Element, das gerade deshalb einen so hohen Schutz verdient, weil alle daran teilhaben – über den natürlichen Wasserkreislauf ebenso wie über den globalen Kreislauf der Waren; ein schützenswertes Element, ähnlich wie das Klima, nicht zuletzt auch deshalb, weil Wasser uns buchstäblich zum Hals stehen wird, wenn es zur grossen Klimaerwärmung kommt.
Christoph B. Keller, Redaktor Gesellschaft DRS 2
