Wann ist man alt? Ein Essay von Cornelia Kazis
Bei Rosa Rein stellt sich die Frage nicht mehr. Rosa Rein ist die älteste Schweizerin. Am 25. März feierte sie im Altersheim von Lugano Paradiso ihren 112. Geburtstag. Gefragt nach dem schönsten Tag in ihrem Leben antwortete die muntere Greisin: «Der morgige Tag!» Ebenso wenig stellt sich die Frage bei Signora Rita Levi Montalcini, der vor kurzem in Italien geehrten hundertjährigen Nobelpreisträgerin. Die zierliche alte Dame der Medizin steht zwar noch Tag für Tag im Institut und behauptet, dass sie besser denken könne als mit 20. Aber, wer über eine dreistellige Alterszahl verfügt, lebt wohl ausserhalb unserer Titelfrage und hat sich längst klammheimlich aus der Anti Aging Kampfzone davongemacht. Aber wie steht es mit dem 75-jährigen Giorgio Armani, der vor drei Jahren in Dubai eine neue Hotelkette, lancierte? Wie mit dem 66-jährigen Rocker Johnny Hallyday, der im Rentenalter gemeinsam mit seiner Frau nach Vietnam reiste, um dort ein Baby zu adoptieren? Und wie steht es mit uns? Wann sind wir alt?
Wann fühlt man sich alt?
«Es kommt nicht darauf an, wie alt man ist. Es kommt darauf an, wie man alt ist.» Sicher hat dieses Wortspiel von Carl Ochsenius vieles für sich! Aber, der Geologe mit dem seltsam deutsch-lateinischen Namen steigt steil ein in das Gebirge der Gerontologie und lässt dabei unsere simple Frage elegant und beinahe unbemerkt links liegen.
Wann haben Sie sich zum ersten Mal alt gefühlt? Bei der Entdeckung der ersten grauen Haare oder bei einem unerwarteten Erfolg durch langjähriges Erfahrungswissen? Beim Kauf der ersten Lesebrille oder beim Auszug der Kinder aus dem Haus? Bei den Freudentränen über die Geburt des ersten Enkelkindes oder etwa schon im dreissigsten Jahr? Als ein hipphoppiger Lümmel für sie im Tram den Sitz räumte oder etwa viel früher, beim allerersten ausserfamiliären Kuss? Oder meinen Sie, das eigene Gefühl hilft bei der Frage weiter? Viele behaupten ja trotzig, man sei so alt wie man sich fühle. Das klingt auf Anhieb tröstlich. Das Dumme ist nur, dass das alle erst dann sagen, wenn sie schon ziemlich alt aussehen.
Die Experten gehen nüchterner an die Frage heran und sprechen unter anderem bei den Vierzigjährigen von den alten Jungen und bei den Fünfzigjährigen von den jungen Alten. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es keine allgemein verbindliche Definition vom Beginn des Alters, nur unzählige Definitionsversuche. Die simple Frage bereitet also auch den Fachleuten Kopfzerbrechen. Verschiedene Disziplinen, wie die Biologie, die Soziologie oder die Psychologie, nähern sich der Frage sehr unterschiedlich. Bei den Soziologen beginnt das Alter da, wo die Arbeit aufhört: mit dem Rentenalter. In der Gerontologie, der Altersforschung, spricht man von vier Altersphasen: 1. die Phase der späten beruflichen Aktivität und des Überganges in den nachberuflichen Lebensabschnitt. 2. die Phase des autonomen, aktiven Rentenalters. 3. die Phase erhöhter Fragilität. 4. die Phase der Pflegebedürftigkeit.
Alle wollen lange leben, aber niemand will alt sein
Eine repräsentative Umfrage in Deutschland hat ergeben, dass die meisten Menschen den Beginn des Altseins im Durchschnitt mit 75,8 Jahren angeben. Hätte man unsere Urgrosseltern gefragt, hätten sie die Marke ganz bestimmt deutlich tiefer gesetzt. Sicher ist: Je länger wir leben, desto länger fühlen wir uns noch nicht alt. Und sicher ist auch: Beinahe alle Menschen möchten möglichst lange leben. Aber kaum jemand möchte wirklich alt sein. Das wundert nicht. Denn Alter hat in unserer von Jugendwahn und Fortschrittsgläubigkeit geprägten Kultur schlechte Karten. Das zeigt sich schon an Unwörtern wie «Überalterung», «Rentnerschwemme» oder «Altenlast». Das alles klingt ganz so, als sei das Alter ein Minenfeld voller Probleme, eine Zeitspanne voller Tristesse, eine einzige Winterreise in unwegsamem Gebiet, eine lange Kette von Verlusten. Robert Lembke, der Quizmaster mit den Schweinderln und dem «Heiteren Beruferaten» wurde an seinem siebzigsten Geburtstag gefragt, ob es denn nicht schwierig sei, alt zu werden. «Altwerden ist natürlich kein reines Vergnügen. Aber denken wir an die einzige Alternative!» lautete seine Antwort. Recht hat der Mann.
Die Whoopies kommen
Unbeeindruckt von der herrschenden Negativverzerrung des Alters mit Pflegebedürftigkeit und Autonomieverlust zeichnet die Werbung ein Gegenbild: das der Whoopies. Whoopies ist eine Abkürzung und steht für «well-off old people». Zu Deutsch: gut betuchte Alte. Eine Wortschöpfung cleverer Marketingstrategen, die längst bemerkt haben, wieviel Kaufkraft die Generation der Über-Sechzigjährigen besitzt. Das Bild, das die Werbung von alten Menschen zeichnet, ist geprägt von Grosseltern beim Rockkonzert, weisshaarigen Joggern am wild-romantischen Meeresgestade, rankschlanken Grossmüttern, die sich sündhaft teure Antifaltencremes leisten können und eitlen Ex-Managern, die ebenso selbstgefällig wie unermüdlich von ihrem Unruhestand berichten, ganz so, als sei Ruhe ein Makel.
Die vier gerontologischen Wahrheiten
Sicher stellt uns unsere erhöhte Lebenserwartung vor ganz neue Herausforderungen und Probleme. Aber ist das Grund genug, das Alter einerseits einfach nur schlecht zu reden oder andererseits verleugnend zu verklären? Anti-aging à tout prix? Um ein realistisches Bild vom Alter zu bekommen, ist es sinnvoll, vier gerontologischen Wahrheiten zur Kenntnis zu nehmen:
Die erste Wahrheit: Unsere Lebenserwartung ist so hoch wie nie zuvor. Mitteleuropäische Frauen die heute ins Rentenalter kommen, können statistisch gesehen davon ausgehen, dass sie noch ein Vierteljahrhundert Leben vor sich haben. Bei den gleichaltrigen Männern ist es bekanntlich etwas weniger. Ihr Ruhestand dauert durchschnittlich 20,6 Jahre.
Die zweite Wahrheit: Mit mehr als 20 bis 25 Jahren ist heute der letzte Lebensabschnitt länger als Kindheit und Jugend zusammen! Allein diese Tatsache ist doch ermutigend. Sie ruft dazu auf, den Alltag im Alter selbst bestimmt zu gestalten, statt darauf zu warten, dass sich die ersten Zipperlein bemerkbar machen und es ohne Rollator nicht mehr geht. Gerontologie-Experten und Psychologen raten deshalb unisono: Werden Sie zu Ihrem eigenen Lebensunternehmer!
Die dritte Wahrheit: Nie sind Menschen so unterschiedlich, wie wenn sie zu den Silver Agers gehören. Es gibt Achtzigjährige, die am New-York-Marathon teilnehmen. Andere in dem Alter leben, von Demenz betroffen, in Pflegeheimen in ihrer eigenen, für Aussenstehende nur schwer entschlüsselbaren Welt. Es gibt Siebzigjährige, die mit ihrem ersten Buch auf den Bestsellerlisten landen oder mit Freude die Altersuniversität besuchen. Und andere, die den Tag voller Bitternis und Argwohn verbringen. Da gibt es eine Rentnerin, die noch durch ihre aussergewöhnliche Orchideenzucht bekannt wird und dort eine andere, die nur durch ihr giftiges Klatschmaul von sich reden macht. Man kann sagen: Zwei dreijährige oder auch zwei zehnjährige Kinder sind sich deutlich ähnlicher als zwei gleichaltrige, alte Menschen. Weder das Whoopy-Cliché noch eine dezidierte Negativzeichnung des Alters werden dieser Vielfalt gerecht.
Die vierte Wahrheit: Mit steigender Lebenserwartung verlängert sich auch die Zeit des Miteinanders verschiedener Generationen. Nie zuvor hatten wir eine so lange Phase der Grosselternschaft. Und erst recht: Nie zuvor hatten erwachsene Kinder solange lebende Eltern! François Höpflinger, der bekannte Schweizer Alterssoziologe spricht diesbezüglich von Verwandtschaftsverhältnissen, die mit dem Bild der «Bohnenstange» veranschaulicht werden können. Wegen der immer geringeren Kinderzahl pro Familie schwindet zwar die Vielfalt verwandtschaftlicher Beziehungen, da es immer weniger Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, Nichten und Neffen gibt. Dafür verlängern sich die vorhandenen Beziehungen, sie schiessen, um mit Höpflinger zu sprechen, quasi bohnenstangenartig in eine nie gekannte Länge bzw. Altershöhe. Auch die Tatsache, dass Frauen heute deutlich später gebären als früher, ändert wenig daran: Unsere Gesellschaft entwickelt sich mehr und mehr zu einer lang andauernden Drei-Generation- oder allmählich sogar zu einer Vier-Generationen-Gesellschaft. Dieses historische Novum ist spektakulär.
Alt werden, jung bleiben
Es kann also ganz schön spannend sein, ganz schön alt zu werden. Deswegen widmen wir uns dem Thema eingehend am Hörpunkt vom 2. Juni mit Gesprächen, Hintergrundberichten, Glossen und Zitaten. Wie beispielsweise demjenigen des Kulturanthropologen Ashley Montagu, der einmal gesagt haben soll. «Ziel des Menschen sollte es sein, möglichst jung zu sterben. Und das so spät wie möglich!»
