Augenzwinkern zum Jahrzehnt - Hörpunktglossen
Einige humoristische, nachdenkliche und anregende Kommentare zu den jeweiligen Lebensabschnitten der 45- bis 105-Jährigen von Maria Ossowski.
«Gut gehalten» - 45 bis 55
Lachfältchen um die Augen, jungenfreches Grinsen um die Mundwinkel, volles, dunkles Haar und eine schlanke Silhouette – George Clooney hat sich gut gehalten. Anders als der gleichaltrige, hessische Ministerpräsident Roland Koch, aber der Vergleich ist gemein, mit Julia Roberts arbeitet es sich lockerer als mit Angela Merkel.
Gut gehalten - was ursprünglich von Haltung kam und auch das seelisch-geistige Fundament berücksichtigte, die Moral, den Charakter, eben die Haltung in der Welt, die inneren Werte, das bezeichnet beim Kompliment «Gut gehalten» heut eher die äussere Fassade, den unsichtbaren Hüfthalter. Dies alte, weibliche Folterinstrument der Firmen Triumph oder Felina wird heut ersetzt durchs Fitnesstudio, wobei auch hier der Unterschied zwischen Scheinwelt und Alltag erheblich ist.
Sharon Stone oder Katja Riemann, Kim Basinger oder Brad Pit (alle um die 50) haben sich gut gehalten und behaupten unverfroren, reines Mineralwasser, gedünstetes Gemüse, wenig Alkohol und hin und wieder ein kleiner Dauerlauf seien verantwortlich für die glatten Gesichter, die straffen Schenkelchen und die geschlechtsspezifisch der Schwerkraft trotzenden Brüste.
Ich vermute: Gut gehalten haben da entweder die OP-Haken bei diversen Chirurgen oder die Botoxnadeln in Schönheitssalons. Gut gehalten heisst ab 50 entweder operiert oder hart erarbeitet. Und wer wirklich viel arbeiten muss, wie die eingangs erwähnte deutsche Bundeskanzlerin, der hat keine Zeit, sich auf Konfektionsgrösse 36 runter zu trainieren. Bei Angela Merkel käme niemand auf die Idee, zu behaupten, sie habe sich gut gehalten. Sie tut viel mehr: Sie hält eine ganze Koalition zusammen.
«Fitnesskurse» - 55 bis 65
«Unsere erste Aufgabe heute: Nehmen Sie die lustigen bunten Hanteln in die Hand, die starken Herren bitte die roten mit einem Kilo, die zarteren Damen gern die blauen, die ein Pfund wiegen, und dann gehen wir ganz leicht in die Knie, ganz leicht und schwingen ein bisschen unsere Arme hin und her, das tut gut, das lockert die Schultern, die so gern verspannen, das bringt uns in Schwung, ja schön, hin und her, hin und her…»
Halt. Wenn mir meine Mutter in diesem Tonfall das Essen schmackhaft machen wollte, hat die dreijährige Maria ihr den Spinat ins Gesicht gespuckt. Ich bin doch kein Baby mehr. Ich bin schon drei, das heisst fast erwachsen. Heute bin ich ganz gross - allein, es fehlt der Spinat zum Spucken. Soll ich mit den Hanteln werfen, um der Trainerin meinen Erwachsenenstolz entgegen zuschleudern? Bloss weil ich ein paar Pfund zuviel auf den Schenkeln habe, fehlen die doch nicht im Hirn. Fitnesskurse für das fortgeschrittene Alter gehen von Schwerhörigkeit und mittlerer Demenz aus - ab 60 sowieso. Sie nehmen mir die Würde meiner Lebenserfahrung, sie machen mich zum Kind.
Ich wünsch mir einen Fitnesstrainer mit witzigen Sprüchen: «Los, ran an den Speck. Gestern zuviel gebechert? Jaja, die Leber wächst mit ihren Aufgaben, der Bauch leider auch» ...und so weiter und so fort. Man nehme mich bitte ernst beim Sport, bloss weil ich schnaufe und jammere, bin ich noch nicht verblödet, im Gegenteil. Selbstironie und Freigeist wachsen, wenn die Muskelmasse schwindet. Statt Herz und Hantel sollte der Kurs Geist und Gewicht heissen. Paul Celan hat das auf die griffige Formel gebracht: «Schwerer werden, leichter sein.»
«Gehirnjogging» - 65 bis 75
«Der Seele Grenzen kannst Du im Gehen nie erreichen.» Heraklits fulminant kluger Satz ist ein paar tausend Jahre alt und gewinnt an Wahrheit, je fitnessverrückter wir werden. Am peinlichsten ist die Forderung, einen zentralen Sitz meiner Seele ebenfalls dem Fitnesswahn zu unterwerfen, nämlich mein Gehirn. Ich recherchiere im Internet und stelle fest: Das ist ein Riesenmarkt, in dem sagenhafte Umsätze warten. Denn in der Vielfalt unseres Lebens gehen hin und wieder Erinnerungen verloren. Wie hiess doch gleich diese geliftete Schauspielerin mit dem jungen Stuntman? Ich hab lange überlegt, es aufgegeben, mein Gehirn auf Warteschleife gestellt – und ein paar Minuten später hatte ich den Namen: Iris Berben.
Glaube ich all den Gehirnjoggern, droht hier beginnende Demenz, und ich muss dringend für 21 Franken 90 das neue Gehirnjoggingprogramm erstehen. Ein paar kostenlose gibt’s auch, ewige Werbung inklusive. Zitat eines solchen Gehirnjoggingangebots: «Auf mental-aktiv.de stehen Euch zahlreiche klassische Mental-aktiv-Übungen im PDF-Format zur Verfügung, die Ihr kostenlos downloaden und ausdrucken könnt, um sie dann in Ruhe zu bearbeiten. Zudem könnt Ihr online üben – egal, ob Konzentration, Koordination und Schnelligkeit, Gedächtnis oder Kreativität – alle Übungen können zu zweit oder auch allein durchgeführt werden». Und dann muss ich Bildchen ordnen oder Silben verschieben, und wenn's mir gelingt, Schweiss abwischen: Onkel Alzheimer noch mal von der Schippe gesprungen.
Wieder fehlt mir hier die altersangemessene Würde. Und um aus der persönlichen Erinnerungskiste zu plaudern: Mein Vater lernte munter bis 96 Englischvokabeln inklusive grässlich falscher Aussprache, las täglich drei Zeitungen, redete mit seinen Katzen und der Welt über dieselbe und über Gott, sagte sich hin und wieder ein Gedicht auf und starb im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Gehirnjogging? Dazu hatte er wegen all dieser Aktivitäten gar keine Zeit.
«Greis? Seniorin? Silver-Ager?“ - 75 bis 85
Es gibt eine schöne Geschichte von Kishon über einen Mann, der seine Haare verliert. Als er nur noch drei hat, gibt er ihnen Namen, Mosche, Ignaz und Jossele. Dann steht er in einer Warteschlange vor dem Kino und hinter ihm schreit ein Halbstarker: «Guck mal, da ist ja Sara, direkt hinter dem Glatzkopf». Unser spärlich behaarter Held ist stinkbeleidigt - zu Recht, besitzt er doch drei Haare und ist noch lang kein Glatzkopf.
Ähnlich geht das Menschen in fortgeschrittenem Alter. He, ich kann noch selbst den Knopf vom Treppenlift bedienen, ich bin noch kein «Greis». «Ältere Dame» steht für beigefarbene Gesundheitsschuhe und frisch ondulierte Dauerwelle, und eine «Seniorin» will peinlich vermeiden, genau dies zu meinen. Vom albernen Silver-Ager ganz zu schweigen. Golden Girls hingegen mag ich. Gold ist wertvoll, girl klingt dynamisch. Aber das lenkt ab von der Tatsache: Ab 75 ist man alt, das gilt auch und ganz besonders für die Nichtwahrhabenwollenden wie Joan Collins, Ursula Andress oder Claudia Cardinale. Mit Luxuslifting altert frau doppelt so schnell.
Aber schauen wir uns die Problematik im Vergleich an. Für einen 100-Jährigen ist die 80-Jährige noch ein junger Hüpfer. Der 72-jährige Berlusconi sieht neben seiner 18-jährigen Gespielin doppelt so alt aus, wie gefühlte 142. Golda Meir und Katherine Hepburn waren junge Alte - alte Junge jammern schon mit 30 über die leeren Pensionskassen, kurz: Die ganze Angelegenheit ist relativ. Wir enden deshalb mit Einstein und seinem klugen Satz: «Solange man jung ist, gehören alle Gedanken der Liebe - später gehört alle Liebe den Gedanken.»
«Kurzzeitgedächtnis» - 85 bis 95
Zu Beginn der 80er Jahre lebte in unserem Berliner Mietshaus die alte Gräfin von Kyritz an der Knatter. Kein Witz, solche Namen gibt’s im Mecklenburgischen zuhauf. Verarmter Adel, wohnte dort schon seit 65 Jahren, das heisst, seit 1915. Sie war 95 und erzählte gern von früheren Zeiten. Gaslampen im Haus, schwärmte sie, ein Riesenfortschritt, Warmwasser und Bäder 1930: die Sensation - Luxus pur. Gräfin Kyritz sah den Kaiser durchs Charlottenburger Tor reiten und die Nazis den Kaiserdamm langmarschieren. Da war sie schon weit über 40. Die Brandbombe im Dachstuhl hat sie mit gelöscht, anno 44, und dann fiel der entscheidende Satz: «Mariellchen, dat war de jrösste Aufrejung, neulich, als die Russen kamen».
Neulich, als die Russen kamen, 40 Jahre war's her und danach? Adenauer, Brandts Ostverträge, Heintje und Schlaghosen. Das Ende der Nazizeit, die Befreiung, den Sieg der Russen. Das erste Warmwasser im Bad, die Gaslampen: Die Relationen im Leben der Gräfin prägten ihre Persönlichkeit, bezeugten die Zeit und waren uns Jungen ein Geschenk.
Klar, sie wusste nie, dass ich ihr vor zehn Minuten den Sprudel in die Speisekammer gestellt hatte und dass heut Dienstag war und man ins Telefon nicht brüllen musste, als könne der Anrufer in Zürich einen sonst nicht hören. Sie vergass alles, was ich mir leicht merken konnte. Aber sie wusste soviel, was ich nie ahnte. Und deshalb: kein Lamento über das verlorene Kurzzeitgedächtnis. Irgendein Jungspund findet sich immer, der weiss, welchen Wochentag wir haben. Aber neulich, als die Russen kamen, das hat er nie erlebt.
«Der Tod und der Dichter» - 95 bis 105
«Ich hab überhaupt keine Angst vor dem Sterben», sagte Stefan Heym, «nur danach wird’s langweilig». Tucholsky befand, dass bei den meisten Leuten zwei Sätze gelten: «Was jetzt schon? Ich hab doch noch gar nicht richtig angefangen». Eugen Roth schreibt: «Wir sehn mit Grausen rings herum, die Leute werden alt und dumm. Nur wir allein im weiten Kreise, wir bleiben jung und werden weise».
Dass unsere Existenz lebensgefährlich ist, entstammt der Feder von Fred Endrikat: «Es starb E.T.A. Hoffmann und Napoleon, es starb der junge Mozart und der alte Blücher, es starb der Grosse Kurfürst und Pipin des Kleinen Sohn, kurzum: Man ist sich seines Lebens nicht mehr sicher». Das gilt für 25 genauso wie für 105. Um's mit Erich Kästner zu formulieren: «Das ist das Verhängnis. Zwischen Empfängnis und Leichenbegängnis nichts als Bedrängnis!» Wie immer findet der Doyen der deutschen Komik die passendsten Worte zum Schluss, deshalb zitiere ich Wilhelm Buschs Lebenslauf:
«Mein Lebenslauf ist bald erzählt, in stiller Ewigkeit verloren schlief ich, und nichts hat mir gefehlt, bis dass ich sichtbar ward geboren. Was aber nun? Auf schwachen Krücken, ein leichtes Bündel auf dem Rücken, bin ich getrost dahingeholpert, bin über manchen Stein gestolpert, mitunter grad, mitunter krumm, und schliesslich musst' ich mich verschnaufen. Bedenklich rieb ich meine Glatze und sah mich in der Gegend um. 0 weh! Ich war im Kreis gelaufen, stand wiederum am alten Platze, und vor mir dehnt sich lang und breit, wie ehedem, die Ewigkeit.»
