Chopin ganz persönlich
| Annelise Alder |
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Drei Erlebnisse waren für mein Verständnis der Musik Frédéric Chopins prägend: Als Klavierstudentin an einem Meisterkurs bei Peter Feuchtwanger mühte ich mich damit ab, ein Nocturne so vorzutragen, wie Chopin es sich vorstellte: wie eine Opernarie von Bellini! Das heisst, die linke Hand strikt im Rhythmus, die Melodiestimme der rechten Hand agogisch frei darüber schwebend. Dann öffnete mir der Pianist und Musikologe Charles Rosen die Augen für die strukturellen Qualitäten im Werk des polnisch-französischen Komponisten. Die ersten beiden Takte der b-Moll-Sonate zum Beispiel verstehen sich nicht als frei zu spielende Einleitung, sondern gehören zum thematischen Kernmaterial der Sonate. Dies demonstrierte der Amerikaner während eines Gesprächskonzerts auf die ihm eigene, temperamentvolle Art, indem er das in der linken Hand auftauchende Einleitungsmotiv in der Durchführung der Sonate demonstrativ heraus hämmerte und gleichzeitig lauthals kommentierte. Schliesslich war da noch die schon bejahrte Grande Dame unter den deutschen Pianistinnen Edith Picht-Axenfeld, die in einem Konzert Präludien von Bach mit den Préludes op. 28 von Chopin kombinierte und so ihre Wesensverwandtschaft aufzeigte. Dies auf ihre typisch nüchterne Art, die trotzdem - oder gerade deshalb - so sehr berührte, dass der Konzertbesucherin neben mir im Verlaufe des Konzerts Tränen übers Gesicht kullerten. |
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| David Schwarb |
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Es gibt Komponisten, die mich als geniale musikalische Architekten in ihren Bann ziehen. Beethoven zum Beispiel. Oder Brahms. Es gibt andere, deren Musik mir ohne Umwege zu Herzen geht. Mozart zum Beispiel. Oder Schubert. Und dann gibt es noch die, von denen ich nicht loskomme, weil ich nach ihrer Musik fast schon süchtig bin. Und dazu gehört Frédéric Chopin. Es hat damit angefangen, dass mir in den späten Teenager-Jahren Dinu Lipattis Aufnahme der Chopin-Walzer in die Finger kam. Die CD drehte sich tagelang in einer Endlosschlaufe – ich hörte mich in einer regelrechten Rausch hinein. Das war die Einstiegsdroge. Und die führte mich unweigerlich zu den schwereren Sachen: den Balladen, den Sonaten, den Préludes. Sternenregen aus einer anderen Welt Erlebnisse wie dieses haben mir die Ohren geöffnet für den Klangzauber, den die Musikwelt dem grossen Revolutionär der pianistischen Poesie zu verdanken hat – und dem ich mich schlicht nicht entziehen kann. Erst recht nicht jetzt, im Chopin-Jahr. Da freue ich mich über jede neue Aufnahme, die ein vertrautes Chopin-Werk von einer neuen Seite beleuchtet. Und wenn ich ein neues Chopin-Stück kennen lerne, ist das erst recht jedesmal ein kleines Fest. Kurz: mein Chopin, das ist «Chopin von A-Z». |
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