Montag, 11. Mai 2009
Gestern Abend an der Eröffnungsparty des Eurovision Song Contests in Moskau kam mir beim Betrachten der 42 teilnehmenden Gesangstruppen unweigerlich das Andy Warhol- Zitat «In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes» in den Sinn. Und fragte mich, ob «15 Minuten Ruhm» nicht gar ein wenig lang sind. Bedenkt man doch, dass die meisten dieser Sängerinnen und Sänger gerade mal drei Minuten auf der Bühne sein werden.
Und als dann die 80er Jahre-Combo Dschingis Khan (natürlich mit ihrem Hit «Moskau») zum Teil in Originalbesetzung zwei Songs zum Besten gab, stellte sich für mich die oben erwähnte Frage gleich nochmals, nur mit dem Zusatz: Wann sind die 15 Minuten Ruhm denn endlich vorbei?
Dienstag, 12. Mai 2009
Mit dem Einstieg in den Car, der uns zum Veranstaltungsort bringt, treten wir auch in die Parallel-Welt «Eurovision» ein. Wie in einem Glas-Kokon fahren wir mit Polizeieskorte am konstanten Verkehrsstau auf den Moskauer Strassen vorbei, um in der Olimpijski-Arena ins Scheinwerferlicht einzutauchen.
Mit der in Russland üblichen Verspätung beginnt die Hauptprobe. Mystische Fabelwesen schweben von der Decke, gigantische LED-Wände verschieben sich wie von Zauberhand und sogar die unzähligen anwesenden Soldaten wirken irgendwie niedlich. Die hermetischen Sicherheitsabsperrungen rund um diese Arena lassen den Alltag draussen, sodass sich alles auf diese beinahe sterile Veranstaltung konzentrieren kann. Nur gut, dass das vibrierende Moskau so gross ist, dass auch dieser Grossanlass bald der Gnade des Vergessens anheim fallen wird...
Mittwoch, 13. Mai 2009
Der Auftritt ist vorbei, das Resultat bekannt und wir sind zurück in der Hotelhalle, nachdem wir die Lovebugs-Performance zusammen mit dem konsternierten Security-Personal im Vorraum der Olimpijski-Halle angeschaut hatten. Ich bin beeindruckt von der Professionalität unserer Band, die auch nach dem Ausscheiden aus dem Wettbewerb ohne Wut oder Verbitterung Interviews gibt, die Situation analysiert und den anderen Delegationen freundlich gratuliert. Um den Abend zu beenden, setzen wir uns nochmals in den Bus (dieses Mal ohne Polizei-Eskorte) und fahren – mit Sven als Touristenführer – in den nächsten Club. Zeitgemässer Rock'n'Roll ist ... wenn man trotzdem feiert!
Donnerstag, 14. Mai 2009
Ein Moskau-Besuch, ohne einen Abend im Soljanka zu verbringen, wäre eine Schande. Der sehr stilvoll eingerichtete Club besticht durch hohe Räume, 70er Jahredesign-Lampen und rohes Mauerwerk. Durch den ersten und zweiten Raum, die eine Lounge und eine Bar beinhalten, kommt man auf den Dancefloor.
Auch wenn dieser verhältnismässig klein ist, stehen zwei riesige, futuristische Boxentürme in den Ecken. In diesem - bereits ordentlich gefüllten - dritten Raum hörte ich zwei der interessantesten und erfrischensten Electro-Acts seit langem: Vikhornov und danach Mujuice aus Moskau haben mich mit ihrem abespacten, ambientlastigem und doch sehr direktem Sound total begeistert. Mit dem bunt durchmischten Publikum - von der hippen Russin in High Heels bis zum Studenten in Sneakers - feierten wir bis in die frühen Morgenstunden. Einziger Minuspunkt war das mürrische Sicherheitspersonal, dass mich bei jedem Foto-Versuch mit einem Bariton-«Njet» an die Hausregeln erinnerte.
Freitag, 15. Mai 2009
Der CD/DVD Shop für wahre Musikliebhaber in Moskau nennt sich Transilwanija Music, und befindet sich gut versteckt im Hinterhof des Restaurant «Crab House». Wobei es sich beim Namen Transilwanija nicht um eine Anspielung auf die Eckzähne des Verkaufspersonals handelt, und auch nicht auf den CD-Verkaufspreis (ca. SFr. 45), der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, sondern laut dem äusserst profunden Verkäufer eine Art Parabel auf die unendliche Weite von Transsilvanien ist.
Die Tonträger sind akribisch sortiert und eingeordnet, und mit über 50'000 CDs ist der Shop auch für unsere helvetischen Verhältnisse beinahe eine Grossmarkt. Viele europäische Länder haben in diesem Laden ein eigenes Fach - zum Teil sogar mehrere Fächer. So ist zum Beispiel «Germany» unterteilt in «New German Music» (Rammstein, BAP, Die Ärzte etc.), «Old German Music» (mit nochmals einer Unterteilung in DDR und BRD).
Richtig lustig mutet unsereinen an, dass sich beispielsweise Patricia Kaas unter «very Old French Music» findet.
Für helvetische Musik hat es aber noch zu keinem eigenen Fach/Regal gereicht. Krokus und Celtic Frost finde ich unter «Old US-Rock/Metal», Yello unter «Very Rare Electro», Andreas Vollenweider unter «Scandinavian World Music» und auf die Frage, ob er auch eine Lovebugs-CD hat, meint der Verkäufer lakonisch: es hatte eine im «Import»-Regal (Import steht übrigens für importiert und nicht für important). Na ja, auch wenn wir Schweizer kein eigenes Regal in diesem Shop haben, sind wir immerhin in diversen Nischenabteilungen bereits vertreten.
Samstag, 16. Mai 2009
Endlich habe ich in Moskau das El Dorado jedes Vinylsammlers gefunden. Gut versteckt hinter einem suspekten Wettbüro gibt es im Universitätsviertel einen ausgebauten Kellershop mit - ich glaube sämtlichen je produzierten - Vinylscheiben. Aber damit nicht genug! Die schwarzen Scheiben sind einzeln in Klarsichtfolien verpackt, liebevoll angeschrieben und teilweise katalogisiert.
Im hinteren Teil des Shops findet man das Herz dieses 2-Rillen-Universums. Russische Pressungen von bekannten, westlichen Bands. YES! Als stolzer Besitzer von je einem Album von The Beatles, Depeche Mode und David Bowie - natürlich mit kyrillischer Beschriftung - gehe ich nun heute Abend an den ESC-Final und morgen zurück in die Schweiz.